
Die Frau im Zug
Montag, 15. Dezember 2008Eine einfache Träne, die Welten bewegte. Bände sprach, ohne auch nur ein einziges Wort zu verraten.
Sie stieg in den Zug. Sehr ruhig fragte sie mich, ob der Platz mir gegenüber noch frei sei. Ich nickte ihr zu und sie setzte sich zu mir in den Speisewagen. Sie nahm eine Zeitung aus ihrer Tasche und schlug sie auf. Ihre Augen flogen über die Zeilen und doch wusste ich, dass sie nicht liest. Hätte ich sie gefragt was dort geschrieben stand, wäre es wohl nur ein zweifelnder Blick gewesen, den ich als Antwort bekommen hätte.
Was hatte sie an diesem Tag erlebt? Ihr Blick war offen, ihre Hände ruhig und gepflegt. Als sie dem Kellner ihre Getränkebestellung aufgab, tat sie das mit klarer Stimme und einem kleinen Lächeln. Und doch wirkte sie gedankenverloren… traurig…
Hatte sie einen Freund besucht; einen kranken Freund? Und dessen Zustand beunruhigte sie. Beunruhigte, weil sie nun nach Hause fuhr… weg von ihm… ihn alleine lassend…
Musste sie in eine andere Stadt, um während der Woche zu arbeiten, und sich dafür von ihrer Familie trennen? Vermisste sie ihre Kinder? Ihren Mann?
Sie ließ die Zeitung auf ihren Schoß sinken. Ihre Kaffeetasse hielt sie in beiden Händen und sah gedankenverloren aus dem Fenster. Draußen war es längst dunkel geworden. Die vorbeifliegenden Lichter konnten es nicht sein, die ihre Aufmerksamkeit forderten. Sie dachte nach. Worüber?
Ihre Gedanken waren von Schmerz begleitet. Sehnsucht. Verlangen. Der Ausdruck ihrer Gesichtszüge veränderte sich. Sie dachte an etwas das sie sehr liebte. Etwas das sie gerade noch hatte und nun – Minuten später – bereits sehr vermisste. Mal bildeten sich Sorgenfalten auf ihrer Stirn mal überflog ein Lächeln ihren Blick. Ihre Sehnsucht flog in die Nacht…
Gern hätte ich sie angesprochen und doch wusste ich, dass nichts und niemand in diesem Augenblick in der Lage gewesen wäre, ihr zu helfen. Sie war in einer Situation, mit der sie ganz alleine klar kommen musste. Die sie alleine durchstehen musste. Allein, obgleich es in ihren Gedanken ganz sicher nicht um Einsamkeit ging.
Und ohne auch nur die geringste Regung auszulösen, verließ plötzlich eine Träne ihren Blick. Sie lief an ihrer Wange hinunter bis zum Kinn. Fiel sanft auf ihren Schoß. Nur eine Träne. Eine Träne die genauso schnell trocknete, wie sie entstanden war…
Eine einfache Träne, die Welten bewegte. Bände sprach, ohne auch nur ein einziges Wort zu verraten.
© skriptum


Ich vergesse im Zug immer wieder, wie genau ich vielleicht beobachtet werde und welche Geschichten sich andere u. U. zu mir und meinem Gesichtsausdruck einfallen lassen. ;-)
überaus intensiv hast du sie beobachtet und dabei jede noch so kleine regung in dir aufgenommen…
zurück bleibt eine ungestellte frage mit gedachter antwort, auf die sich jeder selbst einen reim bilden kann.
Was für ein anrührender Text.
Ich glaube genau deshalb fahre ich so gerne Zug.
Diese Geschichten, die in den Gesichtern der Menschen stehen, bekommt man wohl nur auf diese Weise mit.
Die meisten Zugfahrten sind ja recht lang. Entweder nimmt man z. B. Bücher bzw. Zeitungen mit, oder man guckt eben.
Ich gucke meistens, selbst wenn ich Bücher o. ä. bei mir habe. Es ist einfach ZU interessant. Und kommt nie wieder. Nicht so.
Ich liebe es.
Man findet bei uns nicht viele Menschen, die gerne Zug fahren und jetzt sind sogar drei auf einem Fleck :-D
ich fahr auch gerne zug. bin nur in den letzten zwei jahren recht wenig dazu gekommen…
da lese ich meist auch oder beobachte mal hin und wieder leute ;)
Lasst uns eine Club gründen. Wortman ist allerdings nur ein passives Mitglied. :-D
Da ich mich der Worte des Herrn wortman, den Zeitrahmen betreffend, nur anschließen kann, würde ich mich auch gern auf der passiv-Seite niederlassen wollen. Dort hat man auch deutlich mehr Zeit zum Beobachten! ;-)
Beim Zugfahren hat man auch als Aktiver jede Menge Zeit und kommt dabei noch voran!
Wie ist dieses „Aktiver“ gemeint? Die ganze Fahrt über kreuz und quer durch den Zug zu rennen?
Bitte nicht! Das sind immer diese Leute, die ständig an der Lehne meines Sitzes rumrammeln. Das macht mich rasend; wenn Du verstehen was ich meine, lieber NGB. Denn rasend ist keinesfalls ein Synonym für „ach, dann braucht die den Zug ja gar nicht – dann kannse auch zu Fuß gehen!“ …
;o)
wenn passiv bedeutet, dass ich sitzen bleiben kann, mach ich mit :)
herumrennen im zug ist doch ätzend.
@skriptum:
Aktiver Zugfahrer ist der, der es auch tut und es nicht nur gut findet.
Die, die die ganze Zeit im Zug herumrennen, sind auch die, die bei einer Landung klatschen. (Herrlich, ein Satz mit annähernd doppelt so vielen Artikeln wie Substantiven :-D )
@wortman:
Ich dachte Du fährst gar nicht regelmäßig Zug?!
Habe ich da etwas falsch verstanden?
Falls doch kannst Du natürlich ein aktives (und trotzdem sitzendes) Mitglied werden.
Tja, Herr NGB, Sie gehören eben auch unzweifelhaft zu den Wortkorbaten dieses Kosmos’ ;o)
Aber ob Zug fahren oder nicht: Manchmal reicht es vielleicht schon zu erkennen, dass der Zug abgefahren ist. Welcher auch immer. Umso besser, wenn man ihn eh nicht „nehmen“ wollte …
Ich hätte das nicht so formuliert, aber mein Therapeut sagte, ich solle Komplimente auch mal annehmen – also vielen Dank!
„Der Zug ist abgefahren“ löst in mir eindeutig ein Kneifen in der Magengegend aus und ich denke dabei nicht an die Deutsch Bahn.
Ich denke bei jedem Kneifen in der Magengegend an die Deutsche Bahn … Wir sollten uns zwecks Neutralisierung zusammen tun! *g
Jederzeit :-D
Da Du bei der Bahn jedoch Magenkneifen bekommst, müsste ich zu Dir kommen. Ich schaue schon mal nach einer Verbindung …
Diese Verbindung gibt es doch längst. Dachte ich. Oder gibt es dafür neuerdings sogar Fahrpläne? Donner! Damit hätte ich spontan nicht gerechnet!
*gg