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Posts Tagged ‘Erzählung’

Hoffentlich nicht!

[Anmerkung vorweg: Die folgende Erzählung ist bereits einige Jahre her, jedoch nach wie vor präsent.]

~~~

Der Morgen war wie immer … Verschlafen, Chaos im Badezimmer. Die Dusche erst zu kalt und dann zu heiß. Der Kaffee schneller auf dem Tisch als ich mit der Tasse hinterher kam. Dann schminken, anziehen … Anziehen … Verdammt! Jeden Morgen das gleiche Theater vor dem Kleiderschrank. Meine Wahl fiel auf eine helle Jeans. Dazu ein cremefarbener Pulli. Nicht zu figurbetont, weil ich ja schließlich ins Office musste. Beige Pumps dazu, Jeansjacke überziehen und ab.

Die erste Hürde des Tages war somit geschafft. Der Job lief zwar relativ ruhig aber dennoch mit viel Gebrassel verbunden. Mal wieder ohne Mittagspause machte ich wie fast immer später als sonst Feierabend und steuerte die U-Bahn an. Dort ließ ich mich auf einen freien Sitz fallen, nahm meine Zeitung aus der Tasche und fing an zu lesen. Nervös machte mich etwas, dass mich der Typ, der sich schräg gegenüber von mir hingesetzt hatte, ständig regelrecht anglotzte. Na ja, machte ja nix. Ich vertiefte mich einfach noch ein wenig mehr in meine Zeitung und ignorierte ihn.

An der nächsten Haltestelle leerte sich der Platz neben mir und blieb auch erstmal unbesetzt. Zwei Haltestellen weiter setzte sich der Typ von dem Platz schräg gegenüber plötzlich neben mich. Grundsätzlich betrachtet auch noch kein Grund, um unruhig zu werden. Auch dass er immer näher an mich ran rückte, machte mir zunächst nichts aus. Zunächst …

Der Typ stank. Nicht alkoholisiert, sondern schmutzig und durchgeschwitzt. Wenn er noch nach Alkohol gestunken hätte, hätte es die Sache allerdings auch nicht besser oder schlechter gemacht. Sein heller Trench war zu beiden Seiten aufgefallen und er rückte immer näher an mich ran. Die auf halbem Weg zwischen meinen Beinen und meinem Gesicht befindliche Zeitung klappte ich immer weiter zusammen und machte mich selber immer schmaler, um dem Typen irgendwie zu entgehen. Doch zwecklos. Ich war längst an der Wand der U-Bahn angekommen und er rückte immer näher. In mir machte sich Hilflosigkeit breit und die Frage, wie ich darauf reagieren soll. Ich sah ihn kurz an und bemerkte, dass er mich noch immer voll anstarrte. Er tat das also ganz bewusst.

Noch relativ ruhig forderte ich ihn auf, zurück auf seinen eigenen Sitz zu rutschen und mich in Ruhe zu lassen. Aber dazu machte er keinerlei Anstalten und fing stattdessen an, mir irgendwas Unverständliches ins Ohr zu flüstern. Gleichzeitig legte er eine seiner Hände auf mein Knie. Ich forderte ihn – diesmal lauter und für die andere Fahrgäste klar vernehmlich – auf, mich nicht anzufassen aber er murmelte weiter und seine Hand glitt langsam höher. In mir stieg Ekel auf und ich sah mich Hilfe suchend nach anderen Fahrgästen um. Es war späterer Feierabendverkehr und die Bahn war gut gefüllt.

Das – bisher für mich – Unglaubliche passierte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die anderen Fahrgäste gestarrt und gespannt verfolgt, was passieren würde. Klar ersichtlich war garantiert, dass er und ich kein Paar sein konnten. Doch in dem Moment, als ich meine die Blicke schweifen ließ, flogen die Köpfe herum und die Leute drehten sich weg. Alle. Ich sah plötzlich nur noch Rücken und Hinterköpfe.

Wie in einem Alptraum. Das konnte doch nicht wahr sein. Der Typ wanderte immer höher mit seiner Hand und ich schrie ihn an, dass er sofort seine Hände von mir nehmen und mich in Ruhe lassen solle.

Nicht ein einziger anderer Fahrgast machte auch nur die geringsten Anstalten, wenigstens mal auf diese Szene zuzukommen, um Präsenz zu signalisieren. Ich fühlte mich, als wäre ich mit dem Typen alleine auf der Welt. Er drängte sich immer mehr an/auf mich und sein Atem verschlug mir inzwischen den meinen. Unvermittelt sprang ich auf, brüllte ihn an, dass er sich von mir fern halten solle und es wäre auch kein Problem für mich, mit meinem Handy die Polizei zu rufen, wenn ihm meine Worte allein nicht deutlich genug sein sollte. Der Typ murmelte etwas von „wie kann man nur so böse sein“ und als die Bahn gerade in diesem Moment an der nächsten Haltestelle die Türen öffnete verschwand er ungehindert. Ich fiel auf den Sitz gegenüber und war platt.

Betretenes Schweigen in der Bahn …

Niemand sagte etwas …

Zunächst …

Plötzlich fing eine der Frauen an, laut loszupredigen, dass das ja wohl unglaublich gewesen sei … Keiner der Männer wäre eingeschritten und die arme junge Frau (ich wohl) musste sich ganz alleine wehren etc. etc. etc. Andere Frauen stimmten in das geheuchelte Klagelied lauthals ein, die in diesem Wagenteil befindlichen Männer drehten sich allesamt weg oder verließen an der nächsten Haltestelle die Bahn.

Ich sagte kein Wort mehr dazu. Nur die Überlegung in mir, was ich nun ekelhafter fand: Den Typen oder diese – nach meinem momentanen Empfinden – aufgespielte Empörung einiger Frauen, die ebenso untätig zugesehen hatten, hielt mich davon ab, vor Wut loszuheulen. Ich sah einfach nur aus dem Fenster und hoffte, bald an meiner Haltestelle zu sein, um diese Bahn zu verlassen.

Was wäre geschehen, wenn nicht ich, sondern eine Frau mit nicht so großer Klappe sein Opfer gewesen wäre … eine Frau mit weniger Selbstbewusstsein? Ich war weder aufreizend gekleidet, noch süße 12, 15 oder 17 Jahre alt. Daran konnte es also auch nicht gelegen haben. Und dennoch hat es ihn von nichts abgehalten. Hätte das geneigte Publikum – ja, das IST Sarkassmus! – auch einfach tatenlos zugesehen, wenn er mich direkt in der Bahn „richtig“ vergewaltigt hätte? Oh Gott, was muss, wenn ich mir mein momentanes, emotionales Chaos betrachte, erst in Frauen vorgehen, die „richtig“ vergewaltigt wurden? Mir graut vor dem Gedanken …

An meiner Haltestelle angekommen verließ ich fluchtartig die Bahn und rannte fast nach Hause. Ich wollte nur noch dringend mit jemandem reden, dem ich vertrauen konnte. Auf den Schritten zu meiner Wohnung quälte mich mehr und mehr der Gedanke, dass ich nichts getan habe, um den Typen der Polizei zu übergeben. Ich fühlte mich angeekelt, schmutzig und hilflos. Und je mehr ich über eine Personenbeschreibung nachdachte, desto weniger fiel mir dazu ein. Er hatte großlockige dunkle Haare und stank. Reichte das? Wohl kaum. Er trug einen hellen Trench und eine dunkle, irgendwie gemusterte Hose. Aber das war’s dann auch schon, was ich zur Person sagen könnte. Die großen, starrenden Augen sehe ich noch immer vor mir aber ich könnte nicht einmal sagen, welche Farbe sie hatten. Und Fingerabdrücke von einer Jeans? Keine Ahnung, ob das geht …

Ich bin auch, Stunden später, während des Schreibens, nicht in der Lage, den Typen genauer zu beschreiben. Deshalb hatte ich ursprünglich angefangen zu schreiben … eine BE-schreibung hinkriegen … die Polizei anrufen … Zwei Bahnen fahren bis zu mir. Ich weiß nicht einmal mehr, welche der beiden es war. Jede diesbezügliche Angabe wäre reine Spekulation und eine genaue Uhrzeit könnte ich auch nicht nennen. Was also sollte ich der Polizei sagen? Was ist das bloß für ein Chaos in mir? Ich heule mir die Augen aus dem Kopf vor Wut und Ekel, fühle mich einfach nur hundselend. Meine Mom hatte ich telefonisch erreicht und das Gespräch mit ihr tat sehr gut … hatte mich etwas beruhigt.

Ein derartiges Verhalten, sich anderen Menschen dergestalt aufzudrängen, halte ich persönlich schlichtweg für Veranlagung. Mir graut bei dem Gedanken, dass er von niemandem, auch von mir nicht, am Verschwinden gehindert wurde und ich hoffe inständig, morgen der Tagespresse nicht entnehmen zu müssen, dass ich zwar davon gekommen bin, es dafür aber jemand anderen erwischt hat …

~~~

P.S. Zwei Bemerkungen seien mir dazu gestattet.

An eventuell beobachtende Frauen:

Auch wenn Frauen einem Mann, was die körperliche Kraft betrifft, sicher in vielen Fällen unterlegen sind, sind sie dennoch gemeinsam stark. Es hätte mit Sicherheit ausgereicht, wenn ein oder zwei Frauen sich mir einfach zur Seite gestellt hätten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Typ dann weiter an mir herum gegrabbelt und sich mir, durch seinen an mich gedrängten Körper mit Stimme, Atem und Gestank noch zusätzlich, aufgezwungen hätte.

An eventuell so veranlagte Männer:

Nein! Das ist nicht schmeichelhaft. Es ist einfach nur widerlich und zum Kotzen. Es hat nichts mit Angebot zu tun und ist auch in keiner Weise entschuldbar. Es ist einfach nur verdammte Scheiße!

© marmonemi [08/02] / skriptum

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Valentinstag … wie eine ansteckende Krankheit, die sich in atemberaubender Geschwindigkeit geschlechts-, länder- und auch sonst alles übergreifend ausgebreitet hat. Es könnte so schön sein, wenn es da nicht ein Problem geben würde: Ich bin nicht liiert … nicht mal beinahe …

Ich weiß – ich könnte, wenn ich wollte. Foren, Fernsehsendungen und alle sonstigen Medien überschlagen sich mit diversen Single-Angeboten. Da sucht ein charmanter Mitt-Dreißiger seinen Valentinsschatz auch auf die letzte Minute. Es werden Partys zu Ehren des (welchem auch immer) Valentin mit anschließendem garantiert-Verliebtsein aus dem Boden gewuchtet. Nicht zuletzt werfen sich die engsten (oder auch nicht) Freunde für einen Noch-Single ins Zeug. Subtile (oder auch nicht) Verkupplungsversuche am Valentins-Raclette-Abend … etc. etc. etc.

Paradox ist es doch schon, dass bis heute nicht wirklich geklärt werden konnte, welcher „Valentin“ (mehr …)

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Jeder Mensch hat ja so seine Eigenarten. Und das ist, grundsätzlich betrachtet, auch gut so. Anderenfalls wären wir eine Gesellschaft, die nur aus Robotern besteht. Auch wenn man trotz aller Individualität manchmal den Eindruck haben könnte, es sei bereits soweit. Denn auf dem Weg sind wir anscheinend allemal. Und gerade Individualität ist ja oftmals von dem abhängig, was das direkte Umfeld von einem erwartet. … könne man manchmal denken …

Echte Individualität trägt jedoch dazu bei, dass man manche Menschen mag und andere wiederum nicht. Sei es aufgrund von Eigenarten, Körperdüften bis -gerüchen, Aussehen, Stimme, Geschmack, Vorlieben und Abneigungen, Erfolg oder Miss- / im Beruf oder privat sowie vielen anderen Großig- und Kleinigkeiten, die jeder für sich, nicht immer aber meistens, selbst bestimmen kann. Chronische Opportunisten mal außen vor gelassen.

Als so genannter „Erwachsener“ sollte jeder in der Lage sein, Menschen die er nicht mag, einfach links liegen zu lassen. Oder auch rechts; je nach Situation und Befindlichkeit. Ist man aus irgendwelchen Gründen darauf angewiesen, mit jemandem umzugehen (damit meine ich Situationen wie Chef/Kollegen, Vermieter etc.; nicht jemanden, der neurotisch auf jemand anderen fixiert ist), der einem nicht sympathisch ist, sollte man die Kommunikation auf das Minimum beschränken und ansonsten seiner Wege gehen. Ebenso, wie man den Anderen seine Bahnen ziehen lässt, ohne Stacheldraht auszurollen oder mit Briketts nach ihm zu schmeißen.

Und da bin ich direkt an dem Punkt, der mich immer wieder in Erstaunen versetzt: Warum um Himmelswillen geben sich Menschen ausgerechnet mit denjenigen, die sie vorgeben, überhaupt nicht ertragen zu können, oftmals so unglaublich viel Mühe, um ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen? Dabei denke ich jetzt nicht an Aktionen wie Blumen schicken (mit Stinkbomben drin), Liebesbriefe verfassen (mit Juckpulver bestäubt) oder ähnliches, sondern vielmehr an die ach so beliebte und gern genutzte Form der üblen Nachrede, Verleumdung oder schlicht des Verbreitens von Behauptungen und Lügen, um jemanden – egal mit welchen Mitteln, und seien sie auch noch so niveaulos – zu diskreditieren und dadurch möglicherweise überhaupt erst anzulocken. Hinterrücks versteht sich.

„Diffamie“ klingt wie der Name einer schlimmen Krankheit. Und ich befürchte, so etwas in der Art ist es auch. Nur dass es dagegen noch keine Medikamente zu geben scheint. Vielleicht eine Marktlücke. Das könnte möglicherweise mörderische Umsätze generieren (Memo: Merken!). Diese Form verleumderischer Bosheiten scheint in manchen Kreisen immer mehr um sich zu greifen. Was ich ehrlich gesagt nicht verstehen kann. Vermutlich weil ich es nicht verstehen will. Wenn mir jemand zuwider ist, meide ich ihn. Eigentlich ganz einfach. Fast beeindruckend dagegen finde ich es, dass manche Menschen mit Leichtigkeit bösartiger handeln können, als ich überhaupt in der Lage wäre, zu denken. Aber so ist zumindest gewährleistet, dass das Leben auch zukünftig voller Überraschungen steckt.

Natürlich kann man sich solchen Wesen, die einen Hauptteil der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit damit verplempern, hinter dem Rücken anderer zu hetzen, nicht gänzlich entziehen. Da gibt es Erzählungen, die einfach abprallen, weil man sie für viel zu unwichtig oder einfach dumm hält und andere, die einen zunächst tatsächlich geeignet wären, zu schocken. Und genau an diesem Punkt kommen meine fünf großen „W“ zum Einsatz: WER sagt WAS WARUM und WIE über WEN. Und wenn man pro beantwortetem „W“ ca. 20 Prozent von hinterrücks getätigten Aussagen abzieht, bleiben noch wie viel Prozent potentiellen Wahrheitsgehalts? Genau! Fragt man dann die betreffende Person selbst, erledigt sich spätestens dann auch noch dieser kleine, mögliche Rest.

Ich glaube, wenn sich mehr Menschen bewusst machen würden, dass es völlig unwichtig ist, was sie meinen zu wissen, sondern einzig und allein zählt, was sie beweisen können, würde es wesentlich weniger Versuche geben, jemanden in Abwesenheit zu zerfetzen. Insbesondere, wenn letzteres Verhalten direkte Konsequenzen hätte. Ich persönlich halte es da im Grunde ganz einfach: Natürlich kommt den betreffenden Personen zu Ohren oder Augen, was „man“ über sie sagt, schreibt oder in sonstiger Weise behauptet. Und natürlich kann man dagegen angehen. Die Frage ist nur, wie sinnvoll es ist, Energien in solche Aktionen zu stecken und sie damit ziemlich sicher schlicht zu vergeuden. Als Faustregel dürfte ganz gut anwendbar sein, dass man nie über jemanden etwas erzählen sollte, was man ihm nicht selbst schon gesagt hat oder zumindest jederzeit sagen würde. Oh, halt, stopp, das geht nicht: Damit würden einige Menschen abrupt total verstummen …

Wenn z. B. mich jemand aburteilt auf Basis von Aussagen eines Irgendwem, der – wohlwissend hinter meinem Rücken – über mich statt mit mir geredet hat, und diese Aussagen ungefiltert geglaubt werden, ohne wenigstens einmal zur Sache selbst bei mir nachzufragen, werde ich einen Teufel tun, dem Gläubigen hinterher zu rennen und ihn mit Fakten bestenfalls zu irritieren. Wenn er an der Wahrheit nicht interessiert ist, soll er doch mit Irgendwems Hinterrücksbehauptungen glücklich werden. Mein Problem? Wohl kaum! Wenn mir schon jemandem im Mondschein begegnet, soll es romantischer Natur sein, und nicht kätzerischer.

Und solange Irgendwem nach Kenntnis, dass er sich zum Beispiel schlicht geirrt hat oder er seine Behauptungen nicht beweisen kann, weil ihnen die Grundlage gänzlich fehlt, mit gleichem Verteiler und ebenso engagiert eine Richtigstellung und natürlich vor allem eine Entschuldigung vorbringt, ist ja auch alles (wieder) in bester Ordnung, gelle? Ach, das passiert nicht? Dafür ist Irgendwems Charakter schlicht zu klein und das Stimmchen schlagartig viel zu leise? Für sowas ist Irgendwem einfach zu stillos? Hmm … ich hatte es ja schon befürchtet. Es ist eben doch jeder auf seine Weise eigenartig. Eigenartig menschlich. Und das sogar ganz fraglos ;-)

© skriptum

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Als ich vor über 20 Jahren mit einer Freundin zusammen für einige Zeit ein College in Brighton besuchte, gönnten wir uns des öfteren Abstecher nach London. In einem kleinen Theater am Piccadilly Circus sahen wir das Musical „Annie“. Nein, nicht Annie get your Gun“, sondern einfach nur „Annie“. Ein unglaublich süßes Musical, das ich gern noch einmal sehen würde!

Die Geschichte:

„Annie wurde in ihrem dritten Lebensmonat auf der Treppe eines New Yorker Waisenhaus von ihren Eltern ausgesetzt. Diese hinterliessen einen Zettel mit der Nachricht: „Bitte sorgen Sie für unseren kleinen Liebling. Ihr Name ist Annie. Wir haben die Hälfte eines Medaillons um ihren Hals hängen lassen und die andere Hälfte behalten. Wenn wir zurückkommen und sie holen, wissen Sie, dass sie unser Baby ist.“ In der Zwischenzeit sind aber viele Jahre vergangen und niemand hat Annie abgeholt. So macht sie sich eines Tages aus dem Heim davon, um ihre Eltern zu suchen. Auf ihrem Weg gerät sie in die städtischen Slums, wo sie mit ihrem sonnigen Gemüt die bedrückten Einwohner erheitert. Doch ihre Freiheit ist nur von kurzer Dauer. Sie wird von der Polizei aufgegriffen und ins Heim zurückgebracht.

Für Miss Hannigan, die trunksüchtige Waisenhausleiterin, ein Grund mehr, Annie hart anzupacken. Doch glücklicherweise gibt es da noch Grace Farell, die Privatsekretärin des Milliardärs Oliver Warbucks. Sie will Annie eine Woche lang zu Mr. Warbucks mitnehmen, um dessen Image aufzupolieren. Schon ab dem ersten Moment im Hause Warbucks schafft es Annie, sämtliche Herzen der Warbucks-Angestellten zu erobern. Nur der grimmige Milliardär scheint hart wie Stein zu sein.

Doch auch er kann sich auf die Dauer Annies Charme nicht entziehen. Wie er ihr ein neues Medaillon anstelle des alten, zerbrochenen überreicht, kommt ihre Sehnsucht nach den Eltern wieder auf. Ist doch dieses Bruchstück von Medaillon das einzige, was das sympathisch-freche Mädchen von ihren Eltern besitzt, und auch gleichzeitig der Schlüssel zum Wiedererkennen ist. Sie gesteht Warbucks ihren einzigen Wunsch; Vater und Mutter zu finden. Dieser wiederum verspricht ihr, bei der Suche behilflich zu sein. Über das Radio lässt er veröffentlichen, dass er den Eltern einen Scheck über 50’000 Dollar zukommen lässt. Auf diese Meldung hin scheint Annie plötzlich ganz viele Eltern zu haben, doch keines dieser Paare kennt das Geheimnis des Medaillons.

Die Heimleiterin Miss Hannigan hingegen ist darüber informiert. Ihr zwiespältiger Bruder Rooster und seine dümmliche Freundin Lilly machen sich dieses Wissen zu nutze und holen Annie als deren vermeintliche Eltern inklusive 50’000-Dollar- Check bei Warbucks ab. Doch die beiden haben nicht mit Annies Freundinnen aus dem Heim gerechnet. Die Mädchen haben den Aufruf von Mr. Warbucks ebenfalls gehört und in der Zwischenzeit Miss Hannigan, ihren Bruder und Lilly belauscht. Der Betrug kommt so doch noch ans Licht und alles wendet sich zum Guten. Natürlich mit einem ganz tollen Happy End.“

Nun könnte man meinen, mit der Zeit verblassen Erinnerungen. Dem ist ja meist nicht so, wenn es sich um schöne Erinnerungen handelt. Und das ist gut so. Meine gesamte Zeit in England ist mir in sehr schöner Erinnerung. Und insbesondere an dieses Musical werde ich recht regelmäßig erinnert. Es ist erstaunlich, wo man „Miss Hannigan“ immer mal wieder begegnen kann. Ich habe die Heimleiterin dieses Musicals in sehr reger Erinnerung, und zwar als eine hoch neurotische Frau, die es einfach nicht ertragen konnte, nicht jede denkbare Aufmerksamkeit von allen Menschen zu bekommen, zu denen sie Kontakt suchte.

Sobald sie mal nicht im Mittelpunkt stand und bejubelt wurde, rastete sie förmlich aus. Ihr Lieblingsopfer war – natürlich – Annie. Dieses Mädchen, das allein schon durch sein offenes Wesen sämtliche Sympathien auf sich zog, war immer wieder das Ziel von Miss Hannigans Neid- und Hassattacken. Sie konnte es einfach nicht ertragen, dass Annie wesentlich beliebter und erfolgreicher war als sie. Annie ließ Miss Hannigans Verunglimpfungen, soweit das möglich war, an sich abprallen und kümmerte sich lieber um die Menschen, die ihr wohl gesonnen waren, als gegen Miss Hannigan anzukämpfen, was diese noch wütender machte. Ignoriert zu werden war nicht einmal das Letzte, womit sie klar kam.

Miss Hannigan intrigierte gegen Annie wo es nur ging. Denn sie neidete ihr jede Form von Erfolg und Aufmerksamkeit. Und je weniger Gehör sie bekam, desto ungeheuerlicher wurden ihre Anschuldigungen gegen Annie. Das Problem daran war, dass die Menschen nicht blöd und blind genug waren, um sich nicht selbst ihr Bild von Annie zu machen. Und was sie dort sahen, entsprach nicht einmal annähernd den Erzählungen von Miss Hannigan. So dass diese sich selbst mit jeder gegen Annie gerichteten Aktion mehr ins Aus katapultierte und Annie immer mehr Sympathien zuflogen.

Eine Schlüsselszene dieses Musicals war ein Gespräch mit einem Pärchen, das Annie adoptieren wollte, was Miss Hannigan natürlich überhaupt nicht passte. Würde das doch bedeuten, dass ihr eine Menge Geld (analog: Aufmerksamkeit) durch die sprichwörtlichen Lappen gehen würde. Da sie aber darauf bedacht war, nach außen den Anschein ihrer angeblich so liebevolle und achtsame Art zu bewahren, entschuldigte sie sich mit säuselnd süßer Stimme kurz, verließ den Raum, schloss leise die Tür, ging ein paar Schritte und zeigte dann ihr wahres Gesicht, in dem sie los brüllte, Möbel zertrümmerte, sich hysterisch mit den Fäusten trommelnd auf dem Boden warf und laut heulte. Anschließend richtete sie ihre Kleidung und ihr MakeUp, betrat wieder völlig beruhigt den Raum und setzte das Gespräch ganz ladylike fort. Das Publikum tobte. Und auch ich muss heute noch loslachen, wenn ich an diese Szene denke.

Gerade erlebe ich mal wieder so eine „Miss Hannigan“ und kann mich nur wundern, was sie alles anstellt, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Keine Täuschung ist ihr zu billig, kein Versuch zu niveaulos, keine Verunglimpfung zu respektlos, als dass sie irgendwas auslassen würde, um sich in den Mittelpunkt zu spielen und „Annie“ den Rang abzulaufen. „Annie“ lacht nur darüber und genießt es, mitanzusehen, wie verzweifelt manche Menschen um Aufmerksamkeit buhlen, die sie vermutlich viel eher bekommen würden, wenn sie endlich mal ehrlich wären.

Aber vielleicht wird selbst diese „Miss Hannigan“ irgendwann begreifen, dass es viel leichter ist, sich Freunde zu machen und Achtung zu bekommen, wenn man einfach ehrlich agiert und nicht permanent versucht, seiner Umwelt etwas vorzuspielen und vorzutäuschen, das man überhaupt nicht ist. Insbesondere in dem man versucht, andere klein zu machen, um selbst größer zu erscheinen. Wahre Größe wird man durch solch ein Verhalten vermutlich nie erlangen. Insbesondere nicht, wenn man sich wie eine Miss Hannigan aufführt. Obwohl ich gestehen muss, dass ich sehr gern, uns sei es auch nur ein einziges Mal, dabei wäre, wenn sie nach einer erneuten Niederlagen anfängt, hinter verschlossenen Türen Möbel zu zertrümmern …

Vorhang!

;o)

© skriptum

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