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Posts Tagged ‘Jahre’

Mehr als fünf Jahre hatte es gedauert. So eine typische „nicht mit Dir und nicht ohne Dich“-Geschichte. Wir hatten sehr viel erlebt. Und noch heute denke ich oft und gern nicht an alle aber doch an viele gemeinsame Situationen zurück.

Er ist eine dieser Lieben, die sich zwar im Laufe der Jahre verändern, nie jedoch so ganz vergehen. Zuviel haben wir miteinander geteilt und in meiner schwersten Zeit (Krebs) hat dieser Mann absolut bedingungslos und mit oftmals durch mich sehr strapazierter Geduld zu und hinter mir gestanden.

Kürzlich lief im Fernsehen ein Konzert von und mit Joe Cocker. Und das Unvermeidliche musste natürlich passieren … Dieses Lied, was uns trotz der Trennung auf ewig verbinden wird. Zumindest was mich betrifft …

Wie gesagt: Eine „nicht mit Dir und nicht ohne Dich“-Liebe. Eigentlich haben wir uns geliebt, ja. Und doch gab es immer wieder Stress. Überwiegend hervorgerufen durch äußere Faktoren. Vielleicht war es das, was lange Zeit nicht zuließ, dass unsere Streitigkeiten zur endgültigen Trennung führten.

Aber irgendwann ging es einfach nicht mehr. Und ich musste es ihm sagen. Wir trafen uns zum Brunch. Die Stimmung war bei ihm ebenso gedrückt wie bei mir. Vermutlich ahnte er, was kommen würde.

Wir aßen und schwiegen …

Wir tranken und schwiegen …

Wir sahen uns an.

Schweigend.

Er nahm meine Hand und mir liefen plötzlich Tränen über’s Gesicht.

Ich brauchte nichts mehr zu sagen. Er verstand es auch so.

Dann stand ich auf und verließ das Lokal. Gerade ein paar Meter war ich gegangen, als er mit seinem Wagen neben mir anhielt und mich fragte, ob er mich noch nach Hause bringen dürfe. Ich stieg wortlos ein.

Schweigend fuhr er mich heim. Hielt dabei die ganze Zeit meine Hand in seiner. Keiner sah den Anderen an. Zuhause angekommen küsste er meine Hand und ließ mich gehen.

Es muss wohl eine Stunde gewesen sein, die er mit seinem Wagen noch vor dem Haus stand …

… und ich am Fenster.

Dann fuhr er weg.

Wenige Tage danach fand ich in meiner Post eine CD ohne jeden weiteren Kommentar. Und sie ist eines der berührendsten Geschenke, die ich je bekommen habe: „N‘ Oubliez Jamais“ von Joe Cocker.

Das ist der friedlichste Abschied gewesen, den ich je erlebt habe. Wir haben uns nach mehr als fünf gemeinsamen Jahren getrennt. Leise. Nun ging jeder in eine andere Richtung weiter. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

Ich glaube, irgendwann rufe ich ihn einfach mal an …

© skriptum

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Die Nacht hatte längst ihre Fühler ausgestreckt und mich geschnappt. Zu müde war ich, um überhaupt noch etwas zu denken. Mein Bett war warm. Viel zu warm um schlafen zu können. Ich versuchte es dennoch. Vergeblich. Weder erlösender Schlaf noch irgend welche Träume, notfalls wach, wollten sich einstellen. Etwas genervt stand ich auf und schlich im Dunkeln zum Fenster. Suchte den Mond, doch der Himmel war viel zu bedeckt, um ihn sehen zu können. Nicht einmal ein einziger Stern funkelte mir entgegen. Gelangweilt fuhr ich den Laptop hoch um nachzusehen, ob noch irgend etwas zu tun war, bis ich schlafen konnte. Eine Nachricht. Von Dir. Bereits vor Stunden eingegangen. Wenn ich sie jetzt öffnen würde, wäre an Nachtruhe gar nicht mehr zu denken. Ich kenne Deine Nachrichten. Den Stil, in dem Du sie verfasst. Unnahbar und dennoch fesselnd.

Vor Jahren hatten wir uns geliebt. Keine dieser Lieben, die auf Zukunftspläne und Erwartungen ausgerichtet war, sondern einfach nur so. Man könnte auch sagen, wenn wir beide gerade nichts anderes zu tun hatten, haben wir uns immer mal wieder geliebt. Und genau das machte den Reiz aus. Genau so musste es mit uns sein. Alles andere hätte das was uns verband zerstört. In den letzten Jahren war ich davon ausgegangen, dass Du mich längst vergessen hattest. Doch dann vor ein paar Wochen eine Nachricht von Dir. Du wolltest mich sehen. Beim Lesen erschrak ich leicht. Keine Ahnung warum. Vielleicht war es auch einfach nur die Überraschung, dass Du Dich plötzlich wieder bei mir meldetest. Ich wollte Dir antworten. Doch irgend etwas kam immer wieder dazwischen. Zumindest redete ich mir das ein. Nach drei Wochen gab ich ein Lebenszeichen und Du sogst es auf wie ein Ertrinkender.

Wir telefonierten und es war, als hätte jemand ein großes Stück Zeit aus dem Lauf der Dinge heraus geschnitten. Eine alte Verbundenheit, die wir beide fühlten. Die bekannte Sucht aufeinander. Der Klang Deiner Stimme reichte aus, um mir jede Form von Schauer über den Rücken zu jagen. Alles war plötzlich wieder da. Das Gefühl Dich zu spüren. Deine Hände auf meiner Haut. Das Wissen, von Dir gehalten zu werden, wenn ich mich fallen ließ. Dich zu halten, wenn uns nichts mehr hielt. Deine Blicke, die mehr sagten, als Tausend Worte. Die Nächte mit Dir und der Kaffee am nächsten Morgen. Nur als Stärkung, kleine Pause, um anschließend sofort da weiterzumachen, wo wir vor Minuten aufgehört hatten. Grenzenlos, genau so lange, wie es eben passte. Solange wir nichts anderes zu tun hatten. Eindringen ins Sphären, die so kein Anderer von uns kannte. Kein Anderer je kennenlernen würde. Eindringlich eindringend. In uns. Für uns. In Nächten die nicht zu warm zum Schlafen sein mussten, um nicht schlafen zu wollen.

Wann war es, als wir uns das letzte Mal gesehen, gefühlt haben? Gestern? Die Zeit kann ein Freund sein. Zeit, die man dem Alltag abluchst, um sie sinnvoller zu nutzen, als mit Schlaflosigkeit und vergeblicher Mondsuche. Meine Fingernägel tippeln immer nervöser auf dem Schreibtisch rum. Die Verlockung, Deine Nachricht zu öffnen, wird größer. Ich werde wacher. Du willst mich sehen, fühlen. Das weiß ich, auch ohne Deine Nachricht zu öffnen. Die Nacht ist mondlos. Und warm. Und Deine Nachricht, die ich öffnen will doch noch nicht kann, weil ich mich meinen Gedanken noch einen Moment lang gedankenlos hingeben will, steht lockend vor mir. „Überrasch‘ mich!“ fordertest Du damals immer wieder grinsend. Und ich wüsste nicht, wann mir das mal nicht gelungen sein sollte. Zumindest wenn ich Deine Reaktionen, Deine Blicke, richtig gedeutet hatte. Und plötzlich steigt diese Lust auf Dich in mir auf. Wird fast übermächtig. Ja, ich will Dich auch sehen, Dich wieder spüren. Einfach so. Kein Alltag, keine Probleme, nur Du und ich im Hier und Jetzt. Unverbindlich verbunden.

Einen Moment lang überlege ich, mir einen Kaffee zu kochen und gar nicht mehr zu versuchen, Schlaf zu finden. Doch dann klappe ich den Laptop mit Deiner ungelesenen Nachricht zu und gehe zurück ins Bett. Wie überraschend wäre es wohl, wenn ich plötzlich gar nicht mehr antworte? Nie mehr? Was würdest Du tun? Es akzeptieren? Nein, so bist Du nicht gestrickt. Unnahbar und dennoch fesselnd. Wie Deine Nachrichten. Was Du willst bekommst Du immer. Mir war nur nie ganz klar, ob ich dazu gehören möchte. Fraglos war es reizvoll, immer wieder von Dir erobert zu werden. Und Dich zu erobern. Ohne Kalkül. Vielmehr als Wechselspiel, das wir beide genossen. Immer dann, wenn wir nichts anderes zu tun hatten. Ich hatte gerade nichts anderes zu tun. Nichts, als nicht schlafen zu können in einer Nacht, die mondlos und zum Schlafen viel zu heiß war. Lächelnd lasse ich mich in das Kissen zurück fallen, kurz bevor es an der Tür klingelt. Bereits bevor ich sie öffne ist klar, dass Du es bist, der mitten in der Nacht vor meiner Tür steht. Du willst mich überraschen und weißt ganz genau, dass es Dir gelingen wird. Der Kaffee muss noch warten.

© skriptum

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Er nun wieder …

Wer wie ich „Anfang 40“ ist (ja, aktuell; nicht seit Jahrzehnten *g), der ist mehr oder weniger mit einigen Künstlern aufgewachsen, die es in Verbindung mit ihren ursprünglichen Combos oder in den seinerzeitigen Stilrichtungen längst nicht mehr gibt. Ob nun Frank Sinatra, der mittlerweile von einer Harfe begleitet wird bzw. recovered von Robbie Williams, oder Tina Turner, die ohne Ike vermutlich um Längen besser klar kommt als zuletzt mit ihm. Supertramp ohne Roger Hodgson (und auch umgekehrt) ist für mich wie eine Uhr ohne Zeiger. Die „Neue Deutsche Welle“ (NDW) bekommt man in Fragmenten nur noch zu hören, wenn ein Radiosender mal sehr gnädig gestimmt ist oder eine Themenwoche durchzieht. Pink Floyd, Barkley James Harvest etc. etc. etc. Diese Reihe könnte endlos fortgesetzt werden.

Und dann gibt es da noch diese Urgesteine, die immer mal wieder auf der sprichwörtlichen Bildfläche auftauchen oder nie weg waren und die man seit 10, 20, 30 Jahren oder noch länger schon am ersten Ton erkennt. Nach wie vor und vermutlich auch die nächsten 10, 20 oder 30 Jahre. Carlos Santana ist da nur ein Beispiel. Rod Stewart, dessen markante Stimme es nie gelang, glaubhaft nachzuahmen … Joe Cocker, für den Gleiches gilt … Kylie Minogue, nach 10jähriger Pause völlig neu erfunden wiederauferstanden … Madonna, ohne Worte … Lionel Richie … Herbert Grönemeyer … Und jemanden wie Howard Carpendale muss man in dem Zusammenhang ja wohl auch nennen.

Letzteres finde ich nicht schlimm, weil ich Musik nicht nach dem Aspekt höre, wem ich damit imponieren kann oder was gerade für oder durch wen auch immer angesagt ist, sondern je nach Lust und Laune. Obgleich meine Howie-Zeiten wirklich Jahrzehnte her sind. Ich schwöre! Aber es gab sie eben auch. Als ich noch ganz klein war … und so ;o) Und ihn gibt es heute noch. Oder wieder. Oder mal wieder. Oder wie auch immer.

Aber so ist es kein Wunder, dass sich in meinem Media Player die unterschiedlichsten Künstler tummeln. Ob nun Restless Heart von Barbra Streisand abgelöst wird oder George Benson und Tom Petty nacheinander spielen, bevor der jazzige Brian Ferry vor Curtis Stigers die Ouvertüre (ja, das Wort schreibt man aktuell tatsächlich mit „ü“! Mal sehen, wie lange) zur Hochzeit des Figaro einleiten, um anschließend Paravotti oder dem Buena Vista Social Club Platz zu machen, bis hin zu Leith Al-Deen und Garth Brooks … Ich höre alles mögliche; je nach Lust und Stimmung. Nur Howie ist nicht (mehr) dabei. Definitiv nicht. *g

Wer mich u. a. seit glatten 30 Jahren immer wieder vom sprichwörtlichen Sockel haut ist ganz klar Marius Müller-Westernhagen! Geboren am 6. Dezember 1948, seit Mitte der 70er Jahre non stopp im Geschäft und auf seine Weise ebenso unverwechselbar wie der eine oder andere Jahrzehnt-Künstler. Eine prächtige Kontinuität, die irgendwie immer wieder neu verpackt den Markt stürmt. Und meinen Kopf. Nach drei Live-Konzerten mit ihm konnte ich einfach nicht mehr fliehen. Und wollte es ehrlich gesagt auch nie. Dass MMW im kommenden Dezember 60 Jahre alt wird, finde ich unglaublich klasse. Er steht mit Stolz zu seinem Alter und damit vor allem zu sich, ist „knackiger“ als so mancher 40jähriger und konsequent in der Inkonsequenz, zukünftig jeder Bühne – dann doch wieder nicht – fernzubleiben. Zum Glück!

Die diversen, klaren Statements in seinen Texten haben mir schon immer sehr gefallen. Zum Beispiel mit der Aussage „Michael Jackson geht mit kleinen Jungs ins Bett und ich kann über’s Wasser geh’n“ definiert er ziemlich klar, was er von den Vorwürfen hält. Möglicherweise „explizit“ für Internetportale jedweder Art hat er in seinem Titel „Daneben“ (Album: „Nahaufnahme“, 2005) die Songzeile

„ Es ist mir ´n Rätsel Megastar
dass du dir in die Hosen scheißt
weil jemand der dich gar nicht kennt
sich über dich sein Maul zerreißt“

kreiert, die mich schon diverse Male laut zum Lachen gebracht hat. Vor allem, wenn manche arme, immer wieder blind um sich schlagende, Seelen durch plötzlich behauptet Einschläge (wo genau?) versuchen, davon abzulenken, dass es sich zwar um einen der sehr seltenen Fälle eigener Urheberschaft handelt, aber sie die Grundlage eben selbst in die Umlaufbahn geschossen haben, um nach Schieflage der Situation plötzlich auf Opfer getrimmt den Eindruck zu erwecken, doch gar nichts getan und dieses auch längst vergessen zu haben. Gleiches könnte bei den Attackierten passiert sein, muss aber nicht. Wer andere durch diskreditierende Behauptungen versucht, in Verruf zu bringen, sollte sich darüber bewusst sein, dass ein kleiner Enterhaken durchaus zum riesigen Bumerang werden kann. Mehrere erst recht. Nicht auszudenken, wie es sich anfühlen muss, wenn sie irgendwann alle gleichzeitig zurückkommen. „Verdammt, verdammt!“ kann ich da nur sagen und frage mich bestenfalls, was es denjenigen bringt. Ob ihnen dabei einer … wie sagt man? „abgeht“? Obwohl … wenn das die einzige Chance dazu ist, kann man es ja fast schon wieder verstehen. Dennoch finde ich es nicht okay, wenn Unbeteiligte darunter leiden müssen. Zum Glück muss man solche Blitzbirnen nicht entlarven; sie tun es erfahrungsgemäß selbst. Man muss ihnen nur genügend Zeit dafür geben.

Ob Westernhagen sich mit obigem Zitat auf solcherlei Machenschaften bezogen hat, weiß ich natürlich nicht. Möglicherweise hat er, möglicherweise nicht. Aber nicht nur möglicherweise hat er recht, dass es solche Charaktere mit Sicherheit nicht wert sind, sie überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Was auch gut funktioniert, solange sie die Ignoranz ihrer Person ertragen. Es muss eben jede/r selbst entscheiden dürfen, wo er mitmachen will und wo nicht. Und wenn er klar zum Ausdruck bringt, an gewissen Personen nicht nur kein Interesse zu haben, sondern alles was von ihnen ausgeht hochgradig lächerlich zu finden, sollte man ihn nicht versuchen, zum Umgang zu nötigen. Das kann nur schief gehen. Auch Westernhagen weiß das offensichtlich und er hat so eine Art, mit solchen Statements umzugehen, die ich bewundernswert finde. Vielleicht liegt es daran, dass er bald 60 Jahre alt wird (obwohl das erfahrungsgemäß keinesfalls eine Garantie für Weisheit ist) und vermutlich nie auf die paradoxe Idee käme, zu behaupten, noch immer „Anfang 40“ zu sein. Es wäre aber auch nicht nur schade, sondern vor allem unsinnig, wenn er ca. 20 Jahre seines Lebens plötzlich leugnen würde. Was wäre mit dem Inhalt dieser 20 Jahre? Nie geschehen? Was für ein Preis … Was für ein Unsinn.

Noch bin ich Anfang 40 und wenn ich Menschen wie Westernhagen sehe, freue ich mich fast darauf, vielleicht irgendwann 60 zu werden. Mit gleichaltrigen Freunden um mich herum, die auch keinen Tag ihrer Leben missen wollen und die sich von der gleichen Musik mitreißen lassen, wie ich. Ob es nun Paul Simon, Peter Maffay, Marshall & Alexander, Simply Red, Ray Charles, Erasure, Sheryl Crow, Simon Estes, Toto, Eric Clapton, Eagles, Poco, Julia Neigel, Chicago, Talk Talk, Supertramp, Nils Landgren oder Westernhagen*** ist (pfiffige Mischung, hm? *g), spielt da eher eine untergeordnete Rolle. Hauptsache, es wird nie langweilig! Eben genauso wie seit Jahrzehnten die Titel von Westernhagen.

© skriptum
[nach Diktat verreist und gezeitstempelt]

*** Nein, die Aufzählung ist nicht vollständig! Die Interpreten so zu mischen, dass es definitiv überhaupt keine Linie mehr ergibt, war allerdings nicht ganz einfach. So durcheinander ist ja nicht einmal mein Media Player. Aber ich … vielleicht … gleich! *verwirrt

;o)

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Als ich vor über 20 Jahren mit einer Freundin zusammen für einige Zeit ein College in Brighton besuchte, gönnten wir uns des öfteren Abstecher nach London. In einem kleinen Theater am Piccadilly Circus sahen wir das Musical „Annie“. Nein, nicht Annie get your Gun“, sondern einfach nur „Annie“. Ein unglaublich süßes Musical, das ich gern noch einmal sehen würde!

Die Geschichte:

„Annie wurde in ihrem dritten Lebensmonat auf der Treppe eines New Yorker Waisenhaus von ihren Eltern ausgesetzt. Diese hinterliessen einen Zettel mit der Nachricht: „Bitte sorgen Sie für unseren kleinen Liebling. Ihr Name ist Annie. Wir haben die Hälfte eines Medaillons um ihren Hals hängen lassen und die andere Hälfte behalten. Wenn wir zurückkommen und sie holen, wissen Sie, dass sie unser Baby ist.“ In der Zwischenzeit sind aber viele Jahre vergangen und niemand hat Annie abgeholt. So macht sie sich eines Tages aus dem Heim davon, um ihre Eltern zu suchen. Auf ihrem Weg gerät sie in die städtischen Slums, wo sie mit ihrem sonnigen Gemüt die bedrückten Einwohner erheitert. Doch ihre Freiheit ist nur von kurzer Dauer. Sie wird von der Polizei aufgegriffen und ins Heim zurückgebracht.

Für Miss Hannigan, die trunksüchtige Waisenhausleiterin, ein Grund mehr, Annie hart anzupacken. Doch glücklicherweise gibt es da noch Grace Farell, die Privatsekretärin des Milliardärs Oliver Warbucks. Sie will Annie eine Woche lang zu Mr. Warbucks mitnehmen, um dessen Image aufzupolieren. Schon ab dem ersten Moment im Hause Warbucks schafft es Annie, sämtliche Herzen der Warbucks-Angestellten zu erobern. Nur der grimmige Milliardär scheint hart wie Stein zu sein.

Doch auch er kann sich auf die Dauer Annies Charme nicht entziehen. Wie er ihr ein neues Medaillon anstelle des alten, zerbrochenen überreicht, kommt ihre Sehnsucht nach den Eltern wieder auf. Ist doch dieses Bruchstück von Medaillon das einzige, was das sympathisch-freche Mädchen von ihren Eltern besitzt, und auch gleichzeitig der Schlüssel zum Wiedererkennen ist. Sie gesteht Warbucks ihren einzigen Wunsch; Vater und Mutter zu finden. Dieser wiederum verspricht ihr, bei der Suche behilflich zu sein. Über das Radio lässt er veröffentlichen, dass er den Eltern einen Scheck über 50’000 Dollar zukommen lässt. Auf diese Meldung hin scheint Annie plötzlich ganz viele Eltern zu haben, doch keines dieser Paare kennt das Geheimnis des Medaillons.

Die Heimleiterin Miss Hannigan hingegen ist darüber informiert. Ihr zwiespältiger Bruder Rooster und seine dümmliche Freundin Lilly machen sich dieses Wissen zu nutze und holen Annie als deren vermeintliche Eltern inklusive 50’000-Dollar- Check bei Warbucks ab. Doch die beiden haben nicht mit Annies Freundinnen aus dem Heim gerechnet. Die Mädchen haben den Aufruf von Mr. Warbucks ebenfalls gehört und in der Zwischenzeit Miss Hannigan, ihren Bruder und Lilly belauscht. Der Betrug kommt so doch noch ans Licht und alles wendet sich zum Guten. Natürlich mit einem ganz tollen Happy End.“

Nun könnte man meinen, mit der Zeit verblassen Erinnerungen. Dem ist ja meist nicht so, wenn es sich um schöne Erinnerungen handelt. Und das ist gut so. Meine gesamte Zeit in England ist mir in sehr schöner Erinnerung. Und insbesondere an dieses Musical werde ich recht regelmäßig erinnert. Es ist erstaunlich, wo man „Miss Hannigan“ immer mal wieder begegnen kann. Ich habe die Heimleiterin dieses Musicals in sehr reger Erinnerung, und zwar als eine hoch neurotische Frau, die es einfach nicht ertragen konnte, nicht jede denkbare Aufmerksamkeit von allen Menschen zu bekommen, zu denen sie Kontakt suchte.

Sobald sie mal nicht im Mittelpunkt stand und bejubelt wurde, rastete sie förmlich aus. Ihr Lieblingsopfer war – natürlich – Annie. Dieses Mädchen, das allein schon durch sein offenes Wesen sämtliche Sympathien auf sich zog, war immer wieder das Ziel von Miss Hannigans Neid- und Hassattacken. Sie konnte es einfach nicht ertragen, dass Annie wesentlich beliebter und erfolgreicher war als sie. Annie ließ Miss Hannigans Verunglimpfungen, soweit das möglich war, an sich abprallen und kümmerte sich lieber um die Menschen, die ihr wohl gesonnen waren, als gegen Miss Hannigan anzukämpfen, was diese noch wütender machte. Ignoriert zu werden war nicht einmal das Letzte, womit sie klar kam.

Miss Hannigan intrigierte gegen Annie wo es nur ging. Denn sie neidete ihr jede Form von Erfolg und Aufmerksamkeit. Und je weniger Gehör sie bekam, desto ungeheuerlicher wurden ihre Anschuldigungen gegen Annie. Das Problem daran war, dass die Menschen nicht blöd und blind genug waren, um sich nicht selbst ihr Bild von Annie zu machen. Und was sie dort sahen, entsprach nicht einmal annähernd den Erzählungen von Miss Hannigan. So dass diese sich selbst mit jeder gegen Annie gerichteten Aktion mehr ins Aus katapultierte und Annie immer mehr Sympathien zuflogen.

Eine Schlüsselszene dieses Musicals war ein Gespräch mit einem Pärchen, das Annie adoptieren wollte, was Miss Hannigan natürlich überhaupt nicht passte. Würde das doch bedeuten, dass ihr eine Menge Geld (analog: Aufmerksamkeit) durch die sprichwörtlichen Lappen gehen würde. Da sie aber darauf bedacht war, nach außen den Anschein ihrer angeblich so liebevolle und achtsame Art zu bewahren, entschuldigte sie sich mit säuselnd süßer Stimme kurz, verließ den Raum, schloss leise die Tür, ging ein paar Schritte und zeigte dann ihr wahres Gesicht, in dem sie los brüllte, Möbel zertrümmerte, sich hysterisch mit den Fäusten trommelnd auf dem Boden warf und laut heulte. Anschließend richtete sie ihre Kleidung und ihr MakeUp, betrat wieder völlig beruhigt den Raum und setzte das Gespräch ganz ladylike fort. Das Publikum tobte. Und auch ich muss heute noch loslachen, wenn ich an diese Szene denke.

Gerade erlebe ich mal wieder so eine „Miss Hannigan“ und kann mich nur wundern, was sie alles anstellt, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Keine Täuschung ist ihr zu billig, kein Versuch zu niveaulos, keine Verunglimpfung zu respektlos, als dass sie irgendwas auslassen würde, um sich in den Mittelpunkt zu spielen und „Annie“ den Rang abzulaufen. „Annie“ lacht nur darüber und genießt es, mitanzusehen, wie verzweifelt manche Menschen um Aufmerksamkeit buhlen, die sie vermutlich viel eher bekommen würden, wenn sie endlich mal ehrlich wären.

Aber vielleicht wird selbst diese „Miss Hannigan“ irgendwann begreifen, dass es viel leichter ist, sich Freunde zu machen und Achtung zu bekommen, wenn man einfach ehrlich agiert und nicht permanent versucht, seiner Umwelt etwas vorzuspielen und vorzutäuschen, das man überhaupt nicht ist. Insbesondere in dem man versucht, andere klein zu machen, um selbst größer zu erscheinen. Wahre Größe wird man durch solch ein Verhalten vermutlich nie erlangen. Insbesondere nicht, wenn man sich wie eine Miss Hannigan aufführt. Obwohl ich gestehen muss, dass ich sehr gern, uns sei es auch nur ein einziges Mal, dabei wäre, wenn sie nach einer erneuten Niederlagen anfängt, hinter verschlossenen Türen Möbel zu zertrümmern …

Vorhang!

;o)

© skriptum

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