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Posts Tagged ‘Junge’

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In den vergangenen Monaten vermeide ich es normalerweise, hier potentiell „heiße“ Themen anzureißen, da ich mich den dann möglicherweise folgenden, hitzigen Diskussionen aktuell kaum stellen kann. Aber ein Thema brennt mir nun schon geraume Zeit auf den Nervenbahnen:

Beschneidungen

Ausdrücklich sei gesagt, dass ich gegen ausnahmslos jede Form von Genitalverstümmelung oder generell der Körperverletzung sowie physischer und psychischer Gewalt bin. Egal, ob man es in diesem konkreten Fall Beschneidung nennt oder sich einer anderen Wortwahl bedient. Losgelöst davon, ob es Mädchen oder Jungs betrifft. Mir fehlt der Zugang zu diesem Thema, da es mich innerhalb meiner Kultur gar nicht betrifft. Ich war nie als Beteiligte oder Betroffene involviert. Deshalb habe ich vielleicht eine distanziertere Sicht auf das Thema. Damit könnte ich nun umgehen, es abschließen und sagen: Es geht mich nichts an. Aber genau das fällt mir ehrlich gesagt schwer.

Was ich mich aus der Distanz heraus frage ist: Wie kann man einerseits behaupten, dass Multi-Kulti ja sowas von super ist und unbedingt gefördert werden muss, andererseits aber gegen fremde Kulturen und Gepflogenheiten strafrechtlich angehen wollen? Entweder ist das Andersartige toll, dann sollte es auch in seiner Gesamtheit akzeptiert werden. Oder es ist nicht toll, dann sollte man jedoch aufhören, nach Multi-Kulti zu krähen. Ich persönlich finde Multi-Kulti klasse. Es bereichert mich und ich könnte kaum einfacher Einblicke in fremde Kulturen erhalten.

Da die Welt kein Ponyhof ist, gibt es natürlich auch Bestandteile in Kulturen, die ich nicht so toll finde. Und zwar sowohl in meiner, als auch in anderen Kulturen. Hier ist wohl der Begriff „Kompromiss“ gefragt. Wenn ich einen Kompromiss eingehe, muss ich den Umstand, der das hervorruft, noch längst nicht gut finden. Kompromisse haben für mich aber auch etwas mit der Achtung von dem Anderen, dem Andersartigen zu tun. Und genau aus diesem Grund steht es mir m. E. nicht zu, zu beurteilen, ob Traditionen anderer Kulturen rechtens sind oder nicht. Denn damit würde ich diejenigen, die diese Kulturen pflegen und denen sie sehr wichtig sind, gefühlt missachten.

Gesetzt den Fall, dass es irgendwann in Deutschland mehr andere als die deutsche Kultur gibt, würde ich es mir dennoch verbitten, mich zum Tragen von Kopftüchern oder den Verzicht auf Schweinefleisch zwingen zu wollen. Auf der anderen Seite habe ich mich anzupassen, wenn ich mich innerhalb einer anderen Kultur aufhalte. Als ich vor Jahren eine Freundin in Madi (Nähe Kairo) besuchen wollte, fragte ich sie vorher, ob ich ein Kopftuch tragen solle. Sie verneinte das und meinte, es wäre nur wichtig, die Haare durch einen Zopf zu bändigen, um ein Zeichen zu setzen und nicht automatisch als Prostituierte zu gelten. In Anbetracht dieser Alternative wäre mir auch das Tragen eines Kopftuchs selbstverständlich gewesen. In Madi; nicht innerhalb meines Kulturkreises.

Nun soll also die Beschneidung von Jungen in Deutschland strafrechtliche Relevanz haben. Das entspricht einerseits dem in diesem Land geltenden Recht auf körperliche Unversehrtheit. Dieses Recht finde ich nicht nur richtig, sondern auch wichtig. Es gibt aber nun einmal inzwischen unzählige Kulturen in diesem Land und einige besagen, dass kleine Jungs beschnitten werden müssen. Ich bin damit absolut nicht einverstanden! Aber steht es mir deshalb zu, die Pflege dieser Kultur zu verbieten und unter Strafe zu stellen? Es ist nicht meine Kultur und dem entsprechend kann ich darin enthaltene Prioritäten nicht beurteilen. Aber Millionen anderer Menschen können und tun es. Weil es ihre Kultur ist. Sie sind in diesem Land willkommen aber ihre Kultur nicht oder nur teilweise?

Hm, damit komme ich irgendwie nicht klar. Wäre das nicht so ähnlich, als wenn ich irgendwo einen Job annehme und dann sage „Das Gehalt nehme ich aber zur Arbeit komme ich nicht“? Ich finde das alles sehr knifflig.

Wie geht es Euch mit diesem Thema?
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… die mich veranlasst, noch einmal einen Teil zu schreiben, in dem ich die Promis nicht namentlich nenne. Zum einen weil sie sich nicht selbst dazu äußern können und zum anderen, weil ich sie teilweise nicht noch promoten möchte. Jeder richtig geschriebene Name ist Werbung. Unter anderem aus diesem Grund schreibe ich zum Beispiel den Namen unserer Kundesbanzlerin niemals aus. Los geht’s:

Nicht namentlich zu nennen

erlaube ich mir einen Herrn, der einige Zeit in unserem Sender Co-moderierte. Von einem TV-Format mit einem heißen Preis kannten ihn aus dem Off bereits alle von uns. Die Frage, wie er als Radio-Moderator sein würde, war von einer gewissen Spannung getragen. Sie beantwortete sich allerdings schneller, als insbesondere unseren tatsächlichen Moderatoren lieb sein konnte. Der Nichtgenannte verstand ganz offensichtlich die gewollte Seriosität von Nachrichten nicht einmal im Ansatz. Da die Studios für Moderation und Nachrichten Blickkontakt erlauben und ein Zuschalten von Studio zu Studio jederzeit möglich ist, erkannte er seine Chance. Er schaltete sich einfach mal in die laufenden Nachrichten ein, um diese in seiner ureigenen Art zu kommentieren. Ein absolutes No-Go!

Für solch eine Nummer wäre Thomas Quasthoff beim NDR fast fristlos geflogen. Bei Thomas hatte es jedoch noch einen gewissen Witz: In den Nachrichten wurde irgendwas verkündet, was Helmut Kohl gesagt haben soll. Da Quasthoff Kohl stimmlich perfekt imitieren kann, schaltete er sich in die Nachrichten und sagte mit Kohls Stimme „Das stimmt ja gar nicht!“. Dafür gab es zwar eine sofortige Abmahnung aber es war wenigstens witzig. Was sich hingegen der Nichtgenannte geleistet hatte, war bestenfalls als ausgesprochen dumm zu bezeichnen. Die Konsequenz war, dass seine Mitwirkung sofort beendet wurde. Heutzutage moderiert er auf irgendwelchen Werbesendern und vertickt Ramsch. Eine gute Wahl: Da kann er zum Glück nicht allzu viel Schaden anrichten.

Die Außergewöhnliche

benenne ich unter anderem aufgrund von Persönlichkeitsrechten nicht mit ihrem Namen. Sie war als Schauspielerin und Maskenbildnerin in dem Film-Verlag engagiert, den ich bereits im vorherigen Teil genannte hatte. Sie hielt sich also dauerhaft im Haus auf, was mir erlaubte, sie näher kennenzulernen. Schnell verband uns eine wirklich schöne Freundschaft. Sie erzählte mir, dass sie nicht immer „sie“ war. Auf die Welt gekommen war sie als Junge und Zeit ihres Lebens sehr unglücklich damit. Da sie Amerikanerin war, wurde ihr in ihrer Heimat Florida das Leben nicht nur sprichwörtlich zur Hölle gemacht. Ausgebrannte oder verwüstete Appartements waren noch die harmloseren Varianten, womit sie zu vertreiben versucht wurde.

Irgendwann entschloss sie sich zu einer Geschlechtsumwandlung. Das allerdings ist noch verpönter im angeblich ach so prüden Amerika. Also kam sie nach Deutschland. „Man“ liest von Menschen, die sich für solche Maßnahmen entscheiden, und denkt meist nur „was solls“. Was jedoch tatsächlich hinter einem solchen Entschluss steht und welche Konsequenzen das alles hat, zwingt mir jede Form von höchstem Respekt ab. Als ich sie kennenlernen durfte, stand sie schon jahrelang unter Behandlung mit Hormonen. Die Brust-OP und zahlreiche weiter Eingriffe hatte sie bereits hinter sich. Was noch fehlte, war die „finale OP“.

Irgendwann erzählte sie mir, dass sie aufgrund der Hormone und der Umstellung des Körpers eine Lebenserwartung von maximal 40 Jahren habe. Ich fragte sie, ob sie es nicht schade fände, dass ihr Leben so massiv verkürzt würde. Sie antwortete: Lieber fünf Jahre richtig glücklich als 50 Jahre unglücklich. Ich glaube, die Tragik, die mit einer solchen Aussage verbunden ist, kann kaum jemand ermessen. Noch während ich für den Verlag tätig war, ließ sie die finale OP vornehmen. Als wir uns danach sahen, fiel sie mir selig um den Hals und sprühte vor Lebensfreude. Jetzt wäre endlich alles so wie sie es immer wollte. Ich habe niemals einen Menschen erlebt, der glücklicher war, als sie in dem Moment. Es war unglaublich schön!

Nachdem ich aus dem Verlag ausgeschieden war, trafen wir uns weiter. Sie lernte einen Mann kennen und lieben. Bald zogen sie zusammen. Er wusste von Anfang an um ihre gesamte Vergangenheit. Was ich nicht wusste war, dass sie es stets vermieden hatte, sich ihm ungeschminkt zu zeigen. Eines Tages stand sie vor meiner Tür und sah mich mit total verheulten Augen an. Ich nahm sie in den Arm und fragte, was denn passiert sei. Da erzählte sie mir, dass ihr Freund morgens überraschend ins Bad gekommen sei und führte weiter aus: Stell Dir vor, er hat mich ungeschminkt gesehen und liebt mich trotzdem!

Ich war fassungslos. Irgendwie war das total süß aber für sie wohl eine unglaublich harte Probe. Eine Probe, die sie bestanden hatte. Wie so viele andere auch schon. Irgendwann verloren wir uns leider völlig aus den Augen. Was ich noch hörte war, dass sie wohl mit ihrem Ehemann (!) zurück nach Florida gegangen sein soll. Heute wäre sie ca. 50 Jahre alt. Also ist sie vermutlich längst nicht mehr auf dieser Welt. Ich habe nach wie vor ein Bild von ihr an meiner Fotowand im Flur hängen. Sie war eine faszinierende Persönlichkeit und eine wahrlich hübsche Frau. Ich denke nach wie vor täglich an sie und wünsche ihr, dass sie jeden Tag in ihrem Leben noch voll und ganz genießen konnte!

Die zwei Chaoten

denen ich während meiner Zeit bei dem benannten Magazin- und Film-Verlag begegnet bin, haben im wahrsten Sinne des Wortes Schlagzeilen gemacht. Ich saß mit meiner Freundin Ina, die ich während dieser Zeit als Kollegin, später Freundin, kennengelernt habe, in der Kantine. Die beiden Chaoten kamen rein. Zugegeben: Sie sorgten bei ausnahmslos jedem ihrer Auftritte, egal ob vor der Kamera oder im Off, für Stimmung. Die brauchten nur irgendwo reinzukommen, da fingen schon alle an zu lachen. Sie setzten sich zu uns und wir hatten ein ausgesprochen witziges Mittagessen. Gegen Ende fragten die beiden, ob wir nicht Lust hätten, mit ihnen abends auf die Piste zu gehen. Ina und ich guckten uns an und lehnten wie aus einem Mund ab. Keine Ahnung warum. Na ja, Ahnung wohl schon aber keine bewusste.

Am nächsten Tag waren wieder Drehs angesetzt aber die beiden Chaoten kamen nicht. Keiner hatte auch nur die geringste Ahnung, wo die stecken könnten. Im Hotel hatte sie seit dem Vortag keiner mehr gesehen. Irgendwann rief die Kripo an und teilte uns mit, dass sie die beiden in Gewahrsam haben: Sie hatten in der Nacht eine Kneipe komplett in sämtliche Einzelteile zerlegt und es soll einige Verletzte gegeben haben. Die Schlagzeilen in der örtlichen Presse hatten wir wohl gelesen, wären jedoch nicht im Traum darauf gekommen, dass es sich um die beiden handelte. Immerhin wussten Ina und ich in dem Moment, dass wir uns auf unsere Bauchgefühle durchaus verlassen können. Ein gutes Gefühl; immerhin das!

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Und jetzt habe ich das Gefühl, dass ich für heute genug gelabert habe! ;) Ich hoffe, Ihr konntet die Erzählungen genießen. Und denkt bitte daran: Es gibt Promis, die sind wirklich im positiven Sinne ganz besonders. Die meisten sind einfach wie „Du und ich“. Und dann gibt es noch ein paar, die sind es nicht wert, uns kennenzulernen! Das sind allerdings wirklich die Ausnahmen.

 

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Wo trifft man putzwunderlichste Menschen? Genau: In öffentlichen Verkehrsmitteln. Letztens suchte ich mir in der U-Bahn einen Sitzplatz. Soweit war auch alles in trockenen Tüchern: Plan gefasst und erfolgreich durchgeführt. Sitzplätze in den hiesigen Bahnen sind meist im Viererblock angeordnet, so dass man zwangsläufig einen Nachbarn und zwei gegenüber Sitzende vorfindet. Zumindest in voll besetzten Bahnen. Auf der anderen Seite sind dann noch zwei gegenüber liegende Sitzplätze. Die Lady neben mir fing mit der ihr bis dahin unbekannten, ihr gegenüber sitzenden, Dame eine Unterhaltung an. Die Eröffnung ergoss sich in der Aufregung darüber, dass Kinder heutzutage schlecht erzogen sind, da sie nicht freiwillig beim Erblicken irgendeines Erwachsenen sofort nahezu panisch vom Sitz springen, um älteren Menschen ebenjenen anzubieten resp. zumindest freizumachen. Die elendig gleiche Diskussion wie so oft, wenn man sich in „Öffis“ fortbewegt. Ich verdrehte also hinter meiner wohl wissend aufgesetzten Sonnenbrille leicht amüsiert die Augen und sah aus dem Fenster.

Nun kann man sich ja eines solchen Dialoges kaum entziehen, wenn man nicht gerade den MP3-Player auf volle Lautstärke stellt, was bei nicht allzu guten Ohrstöpseln natürlich sofort die nächste Diskussion solcher Gesprächspartnerinnen provoziert. Meine Taschen-Mucke hatte ich allerdings nicht bei mir, so dass meine Ohren der vollen Lautstärke dieses zumindest für die Damen ach so interessanten Gespräches ausgesetzt waren. Da spielt es auch keine maßgebliche Rolle, dass meine Ohrstöpsel so gut sind, dass höchstens ich mir die Ohren breche, wenn die Musik auf volle Lautstärke gestellt ist. Den Damen reichte es aber nicht etwa, alle Kinder über einen sprichwörtlichen Kamm zu scheren, mitnichten. Ein auf der anderen Seite der Bahn sitzender Mann, der offensichtlich direkt aus dem Job kam und ziemlich fertig aussah, mischte sich irgendwann ein und kommentierte das Gehörte missbilligend. Es verwundert nicht wirklich, dass er sich sofort eine Kelle dahingehend einfing, ebenso rücksichtslos zu sein, wie die heutige Jugend, da ja auch er der Dame mir schräg gegenüber nicht seinen Platz angeboten habe. Überhaupt seien alle Männer rücksichtslos und unverschämt und es sei ja kein Wunder, dass Kinder heute nicht mehr wüssten, wie sie sich zu benehmen hätten, wenn ihnen ihre Väter solche „Vorbilder“ seien. Kollektives Stutzen ringsherum. Seine fast schon entschuldigende Antwort, dass er den ganzen Tag gearbeitet habe, einfach fix und fertig sei und nur noch nach Hause wolle, ging in dem lautstarken Geschimpfe der beiden Grazien völlig unter.

Die Zahl derer, die ihre Köpfe breit grinsend von den Damen wegdrehten, stieg sekündlich. Auch ich wusste kaum noch, wohin ich meinen Kopf drehen sollte, ohne dass sich, unter Ausschluss meiner Sonnenbrillen geschützten Augen, doch zumindest der Rest meines vor lachen kaum noch zu beherrschenden Gesichts verraten würde. Ins Kreuzfeuer dieser Damen wollte ich nun wirklich nicht geraten. Auch wenn ich weder zur heutigen undankbaren Jugend noch zur Gattung der unverschämten Männer hätte gezählt werden können. Doch so in Fahrt wie diese beiden Ladies waren, hätten sie ganz sicher sofort die nächste „Kategorie Mensch“ in ihre lautstarken Beschwerden über die Menschheit an sich und im Allgemeinen, selbstredend mit Ausnahme älterer Damen, hinzugezogen. Also ließ ich es zu, dass sich meine Fußnägel nach oben rollten, meine Nackenhaare hoch gingen (was bei einer geschätzten Länge von 60 cm möglicherweise recht seltsam aussieht), um nicht einfach laut loszulachen.

Meine mit Vehemenz praktizierte Sturheit, nicht nach außen zeigen zu wollen, wonach mir in erster Linie zumute war, wurde jedoch hart auf die Probe gestellt, als eine der Damen – natürlich zunächst vorsichtig abschätzend, wie ihre Gegenüber darauf zu reagieren gewillt sein würde – die Diskussion darüber eröffnet, dass es die jungen Männer von heute ja auch nicht leicht haben, weil die Frauen von heute nicht mehr das seien, was sie früher mal waren. Sie stieß damit jedoch durchaus auf weit geöffnete Ohren. Dumbo wäre vermutlich vor Neid dumpf umgefallen. In mir machte sich spontan Erleichterung breit, endlich mal im richtigen Moment die Klappe gehalten zu haben. Bei dem armen Kerl auf der anderen Seite der Bahn, der nach dem vorherigen Anpfiff auf halbe Körpergröße geschrumpft in seinem Sitz versunken war, machten sich jedoch erste Lebenszeichen bemerkbar. Anfänglich hatte ich ihn auf ca. 190 cm Körperhöhe bei 100 Kilo Lebendgewicht geschätzt. Davon war inzwischen nicht mehr allzu viel zu sehen. Jetzt jedoch atmete er spontan tief ein. Fast hätte ich versucht sein können anzunehmen, dass er etwas dazu sagen wollen würde. Wenn ja, verkniff er sich das aber und wartete stattdessen gespannt ab, was die Damen als nächstes ausführen würden, was nicht lange auf sich warten ließ:

Die heutigen Frauen seien überhaupt nicht mehr in der Lage, einem richtigen Mann das zu geben was er braucht. Ein schönes Heim, warmes Essen wenn er nachhause kommt und sich um die ordentliche Erziehung von Kindern zu kümmern (hier kam ein kurzer Verweis auf den Anfang des Gesprächs, der hier jedoch aufgrund seiner Wiederholung vernachlässigt werden kann). Heutzutage wären die Frauen egoistisch und würden die Männer nur ausnutzen. Familie würde ihnen überhaupt nichts mehr bedeuten und sie dächten nur noch an ihre Karriere und daran, ihren eigenen Spaß zu haben. Eine wie die Andere. Es gäbe keine Frauen mehr, denen man den eigenen Sohn anvertrauen könne, da man als Mutter ja nie wissen könne, wie lange das hält und wann der Junge lieber wieder zurück wolle. Es spräche natürlich nichts dagegen, wenn ein junger Mann eine Frau kennen lernt. Aber zusammenziehen käme ja nun gar nicht in Frage. Dann müsse sich ja der Junge um alles selbst kümmern, denn die heutigen Frauen würden das ja nicht mehr tun. Die Erzählerin wisse das, denn ihr Sohn lebe schließlich noch bei ihr und sie hätte das oft genug mitbekommen.

Wie viele weit (!) geöffnete Ohren sich exakt in dem Abteil befanden, als Madame gegenüber die Frage stellte „Wie alt ist denn Ihr Sohn?“ habe ich nicht gezählt. Hätte ich auch gar nicht können, da meine eigenen Ohren den Blick auf alles Weitere sich in der Bahn Abspielende versperrten. Als die Antwort „Mein Junge ist 36“ durch die ratternde U-Bahn schallte war jedoch alles aus: Ich prustete einfach nur noch hochgradig befreit los. Eine andere Frau drehte sich blitzartig in Richtung Ausgang und dem Zucken ihrer Schultern war zu entnehmen, dass sie entweder einen akuten Atemstillstand hatte, kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand oder sich vor lachen gleich in die Hose machte. Der zuvor gebeutelte Mann schlug sich die Hände vor sein Gesicht und vibrierte wie ein durchgeknallter Rasenmäher. Der mir gegenüber sitzende, mutmaßlich arabisch stämmige Mann schüttelte fassungslos den Kopf und andere Mitfahrende lachten einfach laut los oder ergriffen fluchtartig die Möglichkeit, sich ans andere Ende des Wagens zu begeben. Die beiden Damen saßen irritiert und wortlos in ihren Sitzen und verstanden wohl nicht so ganz, was sich gerade ereignete.

Davon abgesehen, dass ich vor lachen vermutlich eh kein einziges verständliches Wort herausbekommen hätte, verkniff ich mir die Bemerkung, ihr Sohn könne möglicherweise allein schon aufgrund der ihm anhängenden Mutter und der Tatsache, mit 36 Jahren noch bei Mami zu wohnen, auch in Zukunft keine Frau finden. Ebenso wie die Frage, warum die beiden Damen unbedingt während des Haupt-Berufsverkehrs fahren müssen, wenn sämtliche Busse und Bahnen garantiert gerappelt voll sind, und sie selbst doch (was man dem Gespräch durchaus entnehmen konnte) offensichtlich den ganzen Tag Zeit haben, sich von A nach B zu bewegen. Die Ladies rutschten immer unruhiger werdend auf ihren ihnen offensichtlich per Definition gemeint zustehenden Sitzen hin und her. Ich weiß nicht, ob sie wussten, was das alles zu bedeuten hatte, sah aber, dass sie die Reaktionen der Umstehenden nicht unbedingt als Zustimmung auffassten. Was ja immerhin ein erster Schritt sein könnte. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, dass das zwischen den beiden spontan verabredete Kaffeetrinken nebst Parkbesuch auch nur annähernd andere Themen haben würde, als diese eben gehörten. Leider konnte ich nicht in Erfahrung bringen, wann sie sich wo treffen würden, da ich aussteigen musste. Dass die beiden mir nach draußen folgten, war ich zunächst versucht als Drohung aufzufassen. Meine Anschlussverbindung stand jedoch schon bereit und wer weiß, vor was mich der Sprung ins nächste Gefährt so alles bewahrt bis gerettet hat, als ich mich erleichtert in einen der in dem Fall unzähligen freien Sitzplätze fallen ließ …

© skriptum/marmonemi [10/07]

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„Mama, wie hießen die heiligen drei Könige?“ Mein Kopf drehte sich langsam in Richtung dieser Kinderstimme. Ein kleiner Junge, der seine Mutter erwartungsvoll ansah. Sie wusste keine Antwort; der Lütte schon und so informierte er sie grinsend mit „Mönsch Mama, das waren doch Caspar, Melchior und Balthasar!“ Die Mutter war mehr erleichtert als begeistert, dass die Antwort so prompt gekommen war. Auf die Frage, ob sie selbst bereits gelebt habe, als Jesus geboren wurde, antwortete sie somit locker-flockig mit „nein“, klamüserte ihm kurzweilig auseinander, dass wir nun im Jahr 2010 sind und seit Jesus Geburt gezählt würde. Also wäre im nächsten Jahr das Jahr 2011 nach Jesus. Danach lehnte sie sich entspannt lächelnd zurück.

Aber der Lütte legte sofort nach mit der Frage, warum Jesus ans Kreuz genagelt wurde …

Stille. Keiner der umsitzenden Fahrgäste in dieser, aufgrund der Feierabendzeit eher an einen Schlafwagen denn an Entertainment pur erinnernden, Bahn sagte auch nur irgendwas. Auf mindestens jedem zweiten Platz verkniff sich jemand ein Grinsen bis lautes Lachen aber sagen sagte keiner was. Der auf dieser Mutter in dem Moment lastende Druck muss unerträglich gewesen sein. Denn sie wusste die Antwort nicht.

Ich war versucht einzuspringen mit der Bemerkung, dass Jesus die Schuld aller Menschen auf sich genommen hat und er deshalb gekreuzigt wurde, war mir aber nicht völlig sicher, dass es so war und hatte außerdem schlicht Angst vor dem sich erfahrungsgemäß obligatorisch anschließenden „Warum?“ des Jungen. Denn darauf hätte ich dann garantiert überhaupt keine Antwort gehabt.

Es folgten einige Fragen auf die ich zwar Ideen aber keine sicheren Antworten hatte und der Wunsch, selbst Mutter zu werden zeigte plötzlich seine ganz natürlichen Grenzen des Wollens. Ich beneidete diese Mutter nicht!

Der Knirps drehte und wendete in seinen Händen eine kleine Box. Etwas größer als eine Streichholz-Schachtel aber gleiches Prinzip. Sie war außen braun angemalt und die Lade war etwas heraus gezogen. Aus dieser Öffnung lugte eine kleine Styropor-Kugel, die mittels zweier Punkte und Striche zu einem Gesicht mutiert war. „Mama?! Sie zuckte nur noch. „Mama, sag doch mal!“ Sie drehte etwas ängstlich ihr Gesicht in Richtung Junior und fragte ihn nach dem „Was?“

„Mama, wie findest Du meinen Jesus?“ Sie fand ihn toll. Natürlich. Punkte machen war wohl in dieser Situation die einzige, wirkliche Chance, die sie überhaupt hatte. „Wirklich GANZ, GANZ toll hast Du das gemacht!“ log sie … offensichtlich. Denn ihr Blick auf die Zuhörer verriet die Entschuldigung für diese Antwort. Somit schien Jesus auch abgehakt.

Nun beschäftigte den Jungen die Frage nach Josef und Maria. Ich muss gestehen, dass in mir die Spannung zum Zerbersten wuchs. In der Mutter offensichtlich auch. Sie versuchte, ihren Sohn mit allen möglichen Themen abzulenken doch er blieb stur. Als er wissen wollte, warum es „Jungfrau Maria“ heißt, lehnte ICH mich in gespannter Entspanntheit lächelnd zurück und harrte. Doch leider, leider: In dem Moment stiegen beide aus.

AUSGERECHNET IN DIESEM MOMENT?

Die Antwort … oder überhaupt eine Reaktion darauf … hätte ich zu gern mitbekommen. Immerhin ist der Lütte schätzungsweise im Vorschul- oder Schulalter. Somit dürfte in absehbarer Zeit das Thema „Blümchen und Bienchen“ abgehakt sein um sinnvoller Weise durch echte Aufklärung abgelöst zu werden. Und wie sinnig ist es, einem Kind in diesem Alter noch zu erklären, dass die Bibel behauptet, eine Jungfrau habe Jesus geboren?

Mensch, ich war so gespannt. DIE Antwort hätte ich zu gern noch gehört!

© skriptum


Allen meinen hiesigen Lieben wünsche ich einen verzaubert schönen Heiligabend! Den nicht Hiesigen wünsche ich ihn nachher persönlich! ;o)

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… den Friederich.

Da überlege ich seit Monaten, mir wieder ein Haustier anzuschaffen und dabei habe ich längst eines, dass so vieles in sich vereinigt, dass im Grunde für weitere gar kein Platz mehr ist. Ich habe IHN … meinen Friederich!

Vor vielen Jahren entdeckte ich ihn. Er kroch ganz langsam in Richtung Raummitte, als ich am Waschbecken stand und mir die Zähne putzte. Friederich. Sein silbriges Aussehen übte fast so eine Art Faszination auf mich aus. Im ersten Moment erschreckte ich allerdings etwas, da seine Spezies normaler Weise nicht allein, sondern gleich in Massen auftritt. Damit hätte ich mich eher ungern einverstanden erklärt. Also schloss ich mit dem kleinen Kerl einen Packt: Solange er alleine in meiner Wohnung rumtobt ist er in Sicherheit. Bringt er jedoch auch nur einen einzigen Kumpel mit, geht es ihm samt Gefolge an die silbrigen Schuppen … endgültig.

Er hält sich daran. Ich wohne inzwischen seit vielen Jahren in dieser Wohnung und niemals hat er auch nur den Versuch unternommen, mit einem Spielgefährten vor meinen Augen aufzutauchen. Nun behaupten Wissenschaftler, dass die Kleinen Kerle nur drei bis fünf Jahre leben. Das kann ja nicht sein … oder doch? Vielleicht werden die Aufenthaltsbestimmungen in meiner Wohnung von Generation zu Generation weiter gegeben? Vielleicht hocken sie alle in ihrem Spalt und wechseln sich mit dem draußen Spielen ab wenn ich zuhause bin. Wer weiß, was hier für Partys abgehen, wenn ich mal nicht da bin? Sollte ich womöglich nachts einfach mal überraschend nach Hause kommen und ins Badezimmer stürmen? Die kleinen Flitzer sind ja ganz schön schnell aber SO schnell dann vielleicht doch nicht …

Erstaunlich finde ich die Behauptung, dass die Gattung von Friederich so vielfältiger Abstammung sein soll. Zum einen soll sie sich inzwischen als das fehlende Bindeglied zwischen den echten Fischen (Ichthis) und den sich im oberen Sperm davon abgespaltenen Vögeln (Avis) herausgestellt haben (ist aber fast schon wieder widerlegt). Zum anderen soll inzwischen eine verwandtschaftliche Beziehung zu der Gattung der Maulwürfe (Maulus brutae) nachgewiesen worden sein, da sie zu den so genannten „Maulbrütern“ gehören; genau so, wie die auch noch mit ihnen verwandten Wal- und Tintenfische. Sie gebären ihre Jungen nicht nur lebend, sondern schleppen ihre Brut auch noch monatelang in einem extra dazu ausgebildeten Zwirbeldrüsenfortsatz in der Rachenhöhle mit sich herum.

Die Jungen errichten sich in der Rachenhöhle regelrechte Nester aus ihrem Speichel sowie Nahrungsresten des Muttertieres. Ein solches Verhalten konnte man angeblich bislang nur bei den chinesischen Rotschwänzen beobachten, deren Nester auch als Gaumenkitzel gelten. Sie stammen von den Ahnen der Insekten ab und sind seit gut 350 Millionen Jahren existent. Wenn DAS nicht für wahren Überlebenswillen spricht …

Sie tragen keine Federn. Das hängt wohl mit ihrem normalen Lebensraum zusammen: In feuchtwarmen Gebieten wie alten Socken und Unterhosen wäre ein Federkleid eher hinderlich, da es durch die in solchen Gegenden leicht entstehenden Gase verkleben und somit an Auftriebsfähigkeit einbüßen könnte. Mit 6 Beinen und 2 Fühlern, keinen Flügel und einem silbrig glänzenden Körper, der von winzigen Schuppen bedeckt ist, die sie vor dem Vertrocknen schützen sollen, machen sie unsere Häuser unsicher. Durch eine einzigartige „Erfindung“ (ein spezielles Gewebe ermöglicht ihnen, eine elektrische Spannung aufzubauen und damit Wassermoleküle anzuziehen) nehmen sie Feuchtigkeit aus der Luft auf und benötigen somit kein Wasser zum Trinken.

Sie sollen weder kaltblütig wie Fische noch warmblütig wie Vögel, sondern nach neuesten Erkenntnissen Schmetterlingsblütern und somit pflanzenartigen Organismen zuzurechnen sein, die allerdings nicht zur Photosynthese fähig sind und somit zu den Pilzen gezählt werden könnten. Tatsächlich liegt die Art ihrer Fortpflanzung im Dunkeln ihrer Rachenhöhle verborgen. Geschlechtsorgane konnte man bislang nicht entdecken. Könnte es vielleicht sein, dass sie sich mit Hilfe von Sporen weitervermehren, oder verbreiten sie ihre Art durch Klonung? Für das Klonen spräche die Tatsache, dass sie eigentlich alle gleich aussehen. Wobei natürlich keiner von ihnen so hübsch ist wie mein Friederich.

Was ihre Größe angeht, gibt es diverse Stimmen. Mal heißt es, dass sie zwischen 8 und 13 mm groß werden und mal, dass sie zwischen 10 und 15 mm erreichen. Mal wird behauptet, dass die lichtscheuen, flinken und flügellosen Insekten bis zu vier Jahre alt werden und mal wird von fünf Jahren gesprochen.

Sie bevorzugen als Nahrung stärkehaltige Stoffe wie Kleister, Bucheinbände, gestärkte Textilien und Fotos. Durch ihren Schabe- und Lochfraß beschädigen sie aber auch Lederwaren und Kunstfasergewebe. Bei Lebensmitteln befallen sie bevorzugt Zuckerwaren. Im Badezimmer bieten sich als Nahrung Haare, Hautschuppen und Schmutz an. Da sie nur nachts wirklich aktiv sind, böte es sich also an, jeden Abend mal schnell eine kleine Grundreinigung des Badezimmers vorzunehmen, damit sie sich nicht wohl genug fühlen, um ganze Staaten bilden … NICHT IN MEINEM BADEZIMMER!!! *droh* Aber zu einer „Grundreinigung“ habe ich allabendlich auch nicht zwingend Lust.

Alles in allem bleibt festzustellen, dass mein Friederich zu einer wirklich intelligenten und ausgesprochen langlebigen Spezies gehört. Und ich kann nur sagen:

Sie sind ganz schön pfiffig, die kleinen süßen Silberlinge …? Ich bin beeindruckt!

Marmonemi (Silberfischchen-Fan)

© marmonemi [06/02] / skriptum

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Nachtrag:

Mittlerweile ist es mir tatsächlich gelungen, Herrn F. aus H. vor die digitale Linse zu kriegen. Hier darf ich also nun endlich vorstellen:


Friederich beim Verlassen seines Erst-Wohnsitzes und

 


auf der Flucht.

 

Wegen Letzterem bitte ich die schlechte Bildqualität zu entschuldigen. Der ist echt dermaßen schnell … mehr war leider nicht drin! ;o)

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Das war der perfekte Platz. Perfekt? Na ja, zumindest einigermaßen. Langsam drängte die Zeit und sie musste sich endlich entscheiden. Diese liegende Amphore war geräumig genug, um darin zu verschwinden. Der Garten war groß und einigermaßen übersichtlich. Menschen gab es zwar einige aber die wären früh genug zu erblicken. Tiere? Ja, Tierspuren gab es einige aber das Risiko musste sie eingehen. Die Zeit drängte und wenn sie nun nicht bald einen Ort fand, an dem es geschehen konnte, würde sie möglicherweise irgendwo ungeschützt … Nein, das ging gar nicht. Hier in diesem Garten würde es passieren. Und die Amphore würde für die nächsten Tage ihr Zuhause sein. Sie kletterte über den Rand und machte es sich gemütlich. Ein letzter prüfender Blick nach draußen aber es war alles ruhig. Völlig erledigt von diesem weiteren aufregenden Tag schlief sie sofort ein.

Am nächsten Tag mussten weitere Vorbereitungen getroffen werden. Etwas Weiches, das sich gut zusammen knüllen ließ, wäre perfekt, um die Amphore noch wohnlicher zu machen. Außerdem sollen ja die kleinen … Ja, etwas Weiches, Warmes musste es sein. Sie ging auf die Suche. Hoch springen konnte sie schon seit einigen Tagen nicht mehr. Jedenfalls nicht wie früher und ohne dass es ihr ein äußerst unangenehmes Gefühl bescherte. Also musste es etwas sein, was sie relativ mühelos erreichen und weg schleppen konnte. In einiger Entfernung sah sie etwas im Wind wehen. Wehendes war immer gut. Also schlich sie hin und prüfte die Lage. Es war niemand zu sehen, der ihr Schwierigkeiten machen konnte. Sie schnappte sich das nächste erreichbare Teil und flitzte los. Außer Atem erreichte sie ihr neues Domizil, verstaute die Beute und ruhte sich erstmal ein wenig aus.

Ziemlich erschrocken wachte sie auf. Bisher hatte sie noch gar nicht geprüft, woher sie etwas zum Essen und Trinken bekommen würde. Immerhin ging es ja nicht nur um sie. Bald würde sie Verantwortung tragen und dafür muss das Eine oder Andere vorher geklärt werden. Sie reckte sich noch einmal genüsslich in ihrem weichen Heim und dann kletterte sie hinaus in die Welt. Über Nacht hatte es geregnet. Wasser war also momentan leicht zu finden. Ob das jedoch in den nächsten Tagen so bleiben würde, war fraglich. Und auf ständigen Regen zu hoffen war nicht nur keine Lösung, sondern sogar denkbar ungünstig. Nachdem sie einige Zeit durch die Gegend gelaufen war, fand sie eine Hecke, unter der ein Schlauch lag. Mit den Jahren wusste sie, was solche Zeichen zu bedeuten hatten. Hier würde sie also vermutlich nahezu jederzeit etwas Wasser finden.

Ihr Magen knurrte mittlerweile bedrohlich. Sie musste endlich etwas Essbares finden. Die in der Nähe zu hörenden Stimmen verhießen üblicherweise, dass dort auch Nahrung nicht allzu weit sein konnte. Momentan war sie jedoch nicht die Schnellste. Sobald man sie entdecken würde, müsste sie fliehen oder zumindest zusehen, dass sie sich so schnell wie möglich in einen sicheren Unterschlupf flüchtet. Das war im Moment recht mühsam, so dass sie eine andere Lösung finden wollte. Aber welche? Ihre übliche Beute entkam ihr mittlerweile fast ständig. Es wurde immer mühsamer, den täglichen Pflichten und Notwendigkeiten nachzukommen. Klar; bald würden auch wieder einfachere Zeiten kommen. Doch bis dahin konnte sie nicht einfach abwarten. Sie musste es wagen und sich den Stimmen nähern. Eine andere Lösung fiel ihr nicht ein.

Aber erstmal würde sie sich noch eine kleine Pause gönnen. Zumindest plante sie das. Aber durch langsame und leise, für sie jedoch deutlich vernehmbare Schritte wurde sie aus ihrem mehr als verdienten Schläfchen gerissen. Als sie die Beine sah, die sich immer mehr ihrem Domizil näherten, wäre sie am liebsten direkt heraus gesprungen, um klar zu machen, wessen Gebiet das hier ist. Doch in letzter Sekunde fiel ihr ein, dass ihre Beweglichkeit im Moment nicht die beste war. Also verharrte sie und hoffte, dass die Beine vorbei gehen würden, ohne sie zu entdecken. Keinen Mucks gab sie von sich und traute sich kaum noch zu atmen. Bewegungslos wartete sie darauf, dass die Gefahr vorbei zog. Die Beine verharrten kurz, gingen dann aber zum Glück einfach wieder weg.

Ihre Erleichterung war so groß, dass sie sich doch noch eine kleine weitere Weile an Ruhe gönnte und prompt wieder einschlief. Als sie aus ihren doch recht unruhigen Träumen erwachte, traute sie ihren Augen kaum: Woher das riesige Tuch kam, was plötzlich vor der Amphore lag, wusste sie nicht. In dem Moment war es ihr auch egal: Ein kurzer Blick nach links und rechts, dann riss sie es einfach in ihre kleine Höhle. Damit erhöhte sich noch einmal merklich die Qualität ihrer Behausung. So war es herrlich; bis in den letzten Winkel war nun alles schön weich und warm. Wenn sie nun noch eine Lösung für das Futter-Problem finden würde, wäre wirklich alles perfekt. Doch halt: Die Beine! Da waren sie schon wieder. Sie kamen näher, noch näher, ganz nah und … stopp.

Außer ihrer Atmung stellte sie sogar jeden bloßen Gedanken an die geringste Bewegung sofort ein. Sollte ihr kleines Nest doch noch in letzter Sekunde auffliegen? Die Beine verharrten und wollten sich einfach nicht wieder weg bewegen. „Das Tuch!“ schoss es ihr durch den Kopf. „Die Beine suchen das Tuch!“. Es jetzt, egal wie vorsichtig, aus der Amphore zu schieben, käme vermutlich einem Selbstmord gleich. Also blieb nur, absolute Ruhe zu wahren und so zu tun, als wäre sie gar nicht da. Menschen bewegen sich ständig; die können nie Ruhe geben. Also war es nur eine Frage der Zeit, wann die Beine endlich abhauen würden. Sie müsste nur geduldig sein und keinen Laut von sich geben. Dann wäre sicher gleich wieder alles gut. Einen kleinen Moment noch … Vielleicht zwei. Doch drei? Himmel; auf jeden Fall zu viele!

Manche Momente dauern eine Ewigkeit. Dieser gehörte dazu. Eindeutig. Ihr wurde schon richtig schlecht von der Anstrengung, bloß kein Mucks von sich zu geben. Sie hatte keine Zeit mehr, um sich noch ein anderes Quartier zu suchen. Das spürte sie ganz deutlich. Wenn sie jetzt entdeckt würde, wäre alles aus. Obwohl die Übelkeit auch davon kommen konnte, dass sie bereits seit viel zu langer Zeit nichts mehr zwischen die Zähne bekommen hatte. So konnte es auch nicht weiter gehen. Und nun auch noch die Beine, die einfach nicht … Doch. Doch, jetzt gingen sie endlich weiter. Nach dem ersten tiefen Durchatmen wollte sie gerade die Amphore verlassen, als sie ihren Augen kaum traute: Fast wäre sie drauf getreten: Hühnchen. Und auch noch so viel. Ohne Knochen, so dass es einfach so verschlungen werden konnte. Es gibt einen Gott, eindeutig!

Bereits nach wenigen Sekunden war die unverhoffte Beute in ihrem Magen. Es schmeckte nicht nur sehr gut, sondern tat auch unglaublich gut. Ob die Beine das Fleisch hier hingelegt hatten? Woher sollten sie wissen … Oh nein! Erst das Tuch und jetzt auch noch das Fleisch. Nun würde jeder Idiot wissen, dass sie hier war. Das Tuch könnte sie zur Not wieder heraus schieben aber das Hühnchen auf keinen Fall. Jetzt hieß es also, mit allen Sinnen aufmerksam zu sein, um bloß keiner vermeidbaren Gefahr zu erliegen. Sie musste teuflisch aufpassen, dass sie nicht doch noch entdeckt wurde. Und noch während sie sich das ganz fest vornahm, schlief sie erneut und mit prall gefülltem Bauch ein. Genau dieser war es, der sie etwas später auf sehr unsanfte Weise weckte. Nun war es also so weit.

Es war nicht ihr erstes Mal. Insofern wusste sie, was nun geschehen würde. Im Grunde ging alles von allein. Nur war es eben sehr anstrengend und es dauerte länger, als sie es bereit gewesen wäre, als angenehm zu bezeichnen. Aber stoppen ließ es sich natürlich auch nicht. Außerdem konnte sie zwischendurch nicht ausruhen. Ihre Aufmerksamkeit war nun über lange Zeit zu 100 Prozent gefordert. Da fragte niemand, ob sie kann oder will. Sie musste. Jedes Mal wenn wieder eines da war, musste es sofort versorgt werden und schon kam meist das nächste. Das konnte Stunden dauern und es war furchtbar anstrengend. Aber das war es wert. Es war alle Mühen wert. Immerhin waren es ihre und sie würde dafür sorgen, dass es ihnen an nichts fehlen wird. Zumindest, solange sie es noch nicht selbst konnten. Das war ihre Aufgabe und die würde sie erfüllen.

Gefühlt vergingen Stunden, tatsächlich war es ein völlig normaler Zeitraum. Dann war es geschafft und sie war so stolz auf das, was sie da vollbracht hatte. Glücklich aber erledigt wie Tausend Mann verschnaufte sie gerade etwas, als sich die Beine erneut näherten. Das durfte jetzt echt nicht wahr sein. Nun war sie definitiv absolut hilflos. Selbst wenn sie ernsthaft daran denken würde, zu flüchten: Sie würde keines ihrer Jungen zurück lassen. Alle gleichzeitig mitschleppen konnte sie jedoch nicht. Also musste sie sich der Situation stellen. Diese verdammten Beine! Warum konnte die nicht einfach weg bleiben? Aber halt, was war das? Die Beine beugten sich und sahen direkt in die Amphore. Zwei Augen sahen sie strahlend an und sprachen ganz leise. Was war das denn jetzt und wie sollte sie diese sonderbare Situation deuten?

Die Worte konnte sie nicht ganz einordnen, spürte aber instinktiv, dass sie freundlich waren. Das Gesicht besah sich, was da in den letzten Stunden vor sich gegangen war, ließen aber keinerlei Anstalten erkennen, zupacken oder sonstigen Ärger machen zu wollen. Sie wurde etwas ruhiger und dachte sich, dass sie es eh nicht würde ändern können, wenn die Beine oder das Gesicht ihr etwas Böses wollten. Also blieb sie ganz ruhig. Spätestens als ihr erneut Hühnchen und dazu noch eine Schale mit Wasser und Milch dieses Mal sogar in die Amphore gestellt wurden war klar, dass sie sich, obwohl sie entdeckt worden war, trotzdem sicher fühlen konnte. Diese Gestalt würde ihr nichts tun. Außerdem klang es ganz sanft, als sie sagte „Das hast Du wirklich toll gemacht, Du Hübsche!“. Was auch immer das heißen sollte …

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Die Marktkirche in Hannover wäre nicht die Marktkirche und würde nicht in Hannover stehen, wenn sie nicht in jedem Detail Interessantes zu bieten hätte. So gibt es allein um den Kirchturm unzählige Legenden und Geschichten, einiges an Symbolik und natürlich auch ein paar Tatsachen ;o) Eine der Tatsachen ist, dass der Turm zu den Gigantischsten überhaupt gehören sollte. Seinerzeit, also in diesem Fall im 14. Jahrhundert, war es üblich, dass die reicheren Bürger für dererlei Baumaßnahmen spendeten. Aber auch arme Bürger, die sowieso schon kaum wussten, wie sie noch etwas auf den heimischen Tisch bringen sollten, spendeten um ihr Seelenheil. Natürlich immer ganz freiwillig … klar! Nichts lag der Kirche ferner, als Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden, wenn sie nicht ihr letztes Hemd gaben. Dank dieser Spenden konnte von dem geplanten Turm ein gutes Stück gebaut werden. Doch irgendwann riss der Geldsegen ab. Um die Bürger weiter zu motivieren, wurde das ehemals vor der Kirche stehende Modell des geplanten Turmbaus kurzerhand auf den Rohbau des Kirchturms gestellt.

Und da steht es noch heute.

Zu den sichtbaren Symbolen gehören auf der Ostseite ein Pentagramm, auf der Nord- und Süd-Seite zwei Hexagramme, sowie verschiedene keltische Symbole und ein Henkelkreuz. Ein sprichwörtliches „Kreuz“ erfuhr 1984 der vergoldete Wetterhahn. Er wurde nämlich kurzerhand geklaut, als der Turm zu Renovierungsarbeiten komplett eingerüstet war. Entrüstet waren daraufhin die Bürger Hannovers und fingen eifrig an, in einer gläsernen Box Spenden zu sammeln, um einen neuen Wetterhahn für den Turm anzuschaffen. Entweder war das dem Dieb peinlich oder es packte ihn ein schlechtes Gewissen. Auf keinen Fall jedoch gelang es ihm offensichtlich, den Wetterhahn zu verkaufen, so dass er ihn einfach irgendwo ablegte und somit finden ließ. Nachdem der Hahn also wieder da war, kamen die bis dahin gesammelten Spenden einem anderen kirchlichen Zweck zugute.

Zugute gekommen sein soll auch zwei Chorknaben Gottes Segen oder einfach mächtig viel Glück. Als in den Gewölben des Kirchturms Dohlen nisteten, beschlossen sie, die Brut an sich zu bringen. Nachdem sie in den Kirchturm gekraxelt waren, schob einer der Knaben aus der Turmöffnung ein Brett, damit der andere Bengel zu den Nestern kriechen konnte. Nachdem die Beute gesichert war, gerieten die beiden Banausen jedoch in Streit darüber, wer wie viel bekommen sollte. Also ließ der Junge, der das Brett mit dem anderen darauf hielt, einfach los und der zweite segelte daraufhin zu Boden. Dank des Chormantels, der wie ein Fallschirm wirkte, soll der Junge aber unbeschadet unten angekommen sein.

Himmlisches-SA500123-SW700

Bei letzterem Ereignis war Gott mit seiner Vergebung aber wirklich verflucht schnell … *g

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