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Posts Tagged ‘Ohnmacht’

 

Die Umschreibung „Volle Kraft voraus oder Kolbenfresser?“ finde ich wesentlich passender als die Worte „Erst Feuer und Flamme – dann ausgebrannt“. Denn: Das Gefühl, ausgebrannt zu sein, kann vielleicht (?!) noch rechtzeitig genug und bewusst wahrgenommen werden. Bei einem seelischen Kolbenfresser ist die Gefahr des nicht-Realisierens schon größer. Wovon ich hier schreibe? Vom so genannten BURN OUT!

Immer öfter begegnen mir Menschen und Situationen, die mich beunruhigen … Der Begriff Burn Out drängt sich immer häufiger auf …

Vor ca. einem Jahr erlebte ich es z. B. bei einer Freundin. Perfektionistin und Idealistin, hochintelligent und strotzend vor Kraft. Arbeitswochen mit 70, 80 oder mehr Stunden waren völlig normal. Ihr Privatleben gestaltete sich durch die Wahrnehmung von Veranstaltungen, die direkt im Zusammenhang mit ihrem Job standen. Sie war glücklich verliebt und da ihr Freund nicht in der gleichen Stadt lebte, sondern als Sportprofi überall in der Welt unterwegs war, sahen sie sich nicht täglich. Meist flog sie ihm zu irgendwelchen Turnieren nach (das ließ sich ja günstiger Weise oftmals mit dienstlichen Terminen verbinden) und so verbrachten sie die Wochenenden miteinander. Sie war immer glücklich und engagiert; hatte ihre Weiterbildung, der sie letzten Endes die Beförderung zur Abteilungsleiterin verdankte, im Abendstudium absolviert und als Jahrgangsbeste abgeschlossen.

Eines Tages war sie weg … Krank … Diagnose: Burn Out. Es ging gar nichts mehr. All ihr Engagement war letztendlich die Ursache dafür dass sie alles verlor wofür sie so hart gearbeitet hatte. Ihr Freund hatte lange Zeit versucht ihr zu helfen. Doch auch er war dieser Situation machtlos ausgeliefert und schlussendlich blieb ihm nur, sie loszulassen. Er konnte das was sie für sich als Leben definierte und ihr damit verbundenes Verhalten ihm gegenüber einfach nicht mehr ertragen.

Vorzeichen?

Ja, die hatte es ohne Ende gegeben. Doch wer mag sich schon freiwillig eingestehen, dass die eigenen „Batterien“ einfach leer sind? Und wer geht schon zum Arzt, nur weil er ständig Piepen in den Ohren hört, Kopfschmerzen hat, der Magen rebelliert, Rückenschmerzen nicht mehr ohne Schmerzmittel zu ertragen sind und man trotz eigentlich ausreichendem Schlaf permanent todmüde ist? Außerdem hat ein Arzt nichts damit zu tun, dass die sozialen Kontakte gegen null gehen, Hobbies/Sport nicht mehr wahrgenommen werden, der Partner sich immer mehr abwendet bis ihm irgendwann nur noch die Aufgabe der Beziehung bleibt …

Es gibt vieles, das viel wichtiger ist als ein Arztbesuch: der Job muss laufen; die übernommene Verantwortung erfüllt werden. Wenn irgendetwas nicht auf Anhieb klappt, müssen eben andere Wege gefunden werden; Hauptsache das Ziel (meist selbst gesteckt, statt wirklich von Anderen erwartet) wird erreicht … egal wie! Und selbst wenn man merkt, dass immer mehr Energie aufgewendet werden muss, um Aufgaben zu bewältigen, die man früher mal so nebenbei erledigt hat … wer kommt dabei schon ins Grübeln? Ist eben im Moment eine stressige Phase. Was soll’s?!

Dass der Partner gar nicht mehr als solcher wahrgenommen wird und eher als Feind denn als Freund im eigenen Leben Beachtung findet ist nun einmal so. In jeder Beziehung gibt es nicht so tolle Phasen. Das ist doch nicht außergewöhnlich … Außerdem denkt er ja offensichtlich nur noch an Urlaub. Wer soll denn dann bitte den Job erledigen. Alle anderen können das einfach nicht so gut. Also muss man doch alles selber machen …

Nein, nein, das alles hat überhaupt nichts mit Überarbeitung zu tun. Außerdem hat man doch so hart dafür gearbeitet, um dahin zu kommen wo man nun ist. Also muss man den Job auch vernünftig machen. Schließlich hat man ja auch Verpflichtungen, die man mit dem erarbeiteten Gehalt erfüllen muss. Ein Partner … ja, scheint so … der stört dabei eigentlich nur. Man hat doch alles was man braucht, solange nur der Job läuft. Sport und/oder sonstige Hobbies kann man ja auch mal eine Zeit lang aussetzen. Irgendwann wird auch dafür wieder Zeit sein. Und dass man jeden Morgen das Gefühl hat, an der Matratze fest getackert zu sein und ständig todmüde ist, obwohl man doch eigentlich genug Schlaf hatte … Unruhig zwar und es ist auch nervig, ständig mit Kopfschmerzen aufzuwachen aber … Nun … irgendwann werden auch wieder ruhigere Phasen kommen. Im Moment geht es eben nicht anders.

Ach so’n Quatsch, dass völlige Erschöpfung sowohl physisch als auch psychisch lebensbedrohlich sein kann. Man fühlt sich doch fit! Man IST fit! Und falls es mal gar nicht geht, gibt es immer noch hervorragende Mittelchen, um die Müdigkeit mal zu unterdrücken. Und wenn der Partner nicht ständig rumnerven würde und Freunde einem permanent auf den Füssen stünden, weil sie sich mal wieder treffen wollen, wäre man ja auch längst nicht so gereizt. Was sollen bloß ständig diese dämlichen Fragen, was man noch vom Leben hat. Das Leben ist schön! Genau SO wie es ist. Der Job läuft gut und ist im Moment nur sehr aufwendig. Aber schließlich wollte man ja genau DAS. Sonst hätte man sich ja nicht so dafür engagiert, dort hinzukommen, wo man heute ist. Oder?

Die paar depressiven Phasen zwischendurch … ja, nun … wo ist das Problem? Man darf doch wohl mal ein wenig in sich gehen… ruhig auch mal ein bisschen traurig sein … Schließlich leistet man ja im Job irre viel und da muss doch die Seele auch mal etwas baumeln dürfen. Sich ab und zu mit Alkohol gründlich abzuschießen … sich hier und da mal vernebelt in den Schlaf zu rauchen … och nun … wer tut das denn nicht? Und die paar Tränen, die ab und zu vergossen werden, weil manchmal doch ein wenig das Gefühl aufkommt, dass man kaum was vom Leben hat … Oder die Traurigkeit, weil man den Partner doch irgendwie vermisst … wenn er nur bloß nicht immer so nerven würde und dies, das, jenes, falsch machen würde … wenn er doch wenigstens mal versuchen würde, Verständnis aufzubringen … wäre man ja auch netter zu ihm. Aber so? Nun … wen interessiert’s?

Schlimmer wäre es, wenn dieser Auftrag nicht erledigt würde. Die Kollegen motzen sowieso schon ständig rum und der Chef ist auch nur noch am Nörgeln, dass ihm alles zu lange dauert und letztendlich die Ergebnisse unbefriedigend sind. Himmel … man kann sich doch nicht zerreißen! Aber nächstes Wochenende könnte man ja noch mal eine 48-Stunden-Schicht extra einlegen. Der Partner wird’s schon verstehen. Und wenn nicht … who cares? Dann soll er eben gehen.

Horrorgeschichte? Fiktion? Nein … Realität! Genau SO passiert.

Als Freund und/oder Partner steht man daneben, sieht relativ schnell was da passiert, versucht einzugreifen, wird abgekanzelt und gibt irgendwann notgedrungen auf. Nicht, weil man keine Lust mehr hat oder sich die Gefühle für den Betroffenen in Luft aufgelöst haben, sondern weil man einfach die eigene Machtlosigkeit zu akzeptieren lernt. Weil man begreift, dass dem Kranken ohne gute professionelle Hilfe nicht mehr geholfen werden KANN …

Das bedingt jedoch, dass der Betroffene sich eingesteht, dass er Hilfe benötigt. Und bis dahin ist es noch mal ein sehr weiter Weg. Meist wird er erst beschritten, wenn schon so viel im Argen liegt, dass der Heilungsprozess direkt verbunden ist mit der Erkenntnis des völligen Verlustes irgendeiner Form von Privatleben (wozu im Job kürzer treten, sonst habe ich ja eh nichts mehr …). Und … letztendlich verbunden mit dem Erkennen des Verlustes all dessen, was diesen Zustand in erster Linie bewirkt hat … der Job und alles was dazu gehört …

Was bleibt ist …

… nichts.

Ein erbarmungsloser Teufelskreis!

Der Partner kann letztendlich – egal wie stark seine Liebe ist – genau eines tun:

… nichts.

Der Vorgesetzte wird es im Zweifel nie zur Kenntnis bekommen, weil das ihn Informieren damit verbunden wäre, eine Schwäche zuzugeben … sich selbst und in dem Fall auch anderen gegenüber physische und psychische Instabilität einzugestehen. Das allerdings widerspricht komplett dem bisher Praktizierten. Denn man ist ja stark und schafft alles … egal mit welchen Mitteln … Jetzt auf einmal zugeben, dass man an einem Punkt angelangt ist, nur noch die Flügel strecken zu können? Unmöglich!

Diese emotionale Erschöpfung führt meist dazu, dass irgendwann keinerlei Höhen und Tiefen mehr erlebt werden, sondern Gleichgültigkeit die vorherrschende Macht ist. Wohl auch als Selbstschutz der Seele, um nicht erkennen zu müssen. Körperliche Erschöpfung kommt hinzu. Die Distanzierung von anderen Menschen führt parallel meist zur völligen Vereinsamung.

Die Furcht vor der Offenbarung persönlicher Schwäche verschlimmert das alles noch. In welchem Umfang qualifizierte Hilfe in Anspruch genommen wird, hängt wesentlich von dem Problembewusstsein des Betroffenen und seiner Bereitschaft ab, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Die meisten nehmen die Symptome nicht ernst, bevor sie nicht körperlich so sehr erkranken, dass sie zu keinerlei Leistung mehr im Stande sind.

Burn Out ist eine „anerkannte“ Erkrankung, deren Behandlung der Leistungspflicht der Kranken- und Rentenversicherungen unterliegt. In seinen Ursachen und Erscheinungen ist das Burn Out-Syndrom jedoch sehr umfassend. Die Vielfalt der Faktoren, die dazu beitragen, und die Vielschichtigkeit der Symptome, in denen sich Burn Out äußert, machen es schwierig, ein Burn Out nicht nur als eigenständige Krankheit, sondern vor allem rechtzeitig zu erkennen. Ohne den Willen des Betroffenen, sich bewusst damit auseinander zu setzen, dass es sich um Burn Out handelt oder zumindest handeln könnte, ist es nahezu unmöglich. Oftmals lautet die ärztliche Diagnose trotz relativ genauer Schilderung der Symptome auf „ungeklärte Müdigkeitserscheinungen“. Tabletten gegen Kopfschmerzen und Magenverstimmungen und vielleicht Massagen gegen die Rückenprobleme sowie eine Überweisung zum Ohrenarzt wegen des ständigen Piepens sind die Folge. Eine Diagnose in Richtung Burn Out ist sehr selten.

Die meist maßgebliche Basis für die Entstehung von Burn Out ist lang anhaltender emotionaler und körperlicher Stress, verbunden mit dem Mangel an entsprechender Kompensation und Erholung. Während Stress zunächst das emotionale und körperliche Engagement steigert, ist Burn Out durch die folgende emotionale und körperliche Erschöpfung gekennzeichnet. Dem Verlust von Kraft und Energie folgt der Verlust der Ideale und Hoffnung. Ständige chronische Müdigkeit bei gleichzeitigen Schlafstörungen und ein schleichender Verfall der persönlichen Leistungsfähigkeit bei zunehmender Abneigung gegenüber allem und jedem führen zum sozialen Rückzug, zur Distanzierung von anderen Menschen bis hin zum Zynismus. Das Empfinden, diesem Geschehen ohnmächtig gegenüber zu stehen, verstärkt die Entwicklung noch. Die allmähliche geistige und körperliche Erschöpfung kann von Symptomen begleitet werden wie Depression, Angst- und Panikstörung, Pseudodemenz, Zwänge und andere psychische und physische Störungen. Betroffene, die ihren trostlosen Zustand eine gewisse Zeit hinter ihrer Fassade verbergen können, laufen letztendlich nur noch wie Zombies rum: müde, unflexibel, apathisch, feindlich … die Lust am Leben irgendwann gänzlich verlierend.

Burn Out ist eine individuelle Reaktion auf persönliche Überforderung vor dem Hintergrund einer persönlichen Lebens- und Lerngeschichte. Die Verhütung bzw. Behandlung von Burn Out gehört in die Hände von Psychotherapeuten, die diese individuellen lebens- und lerngeschichtlichen Defizite beheben können.

Zum Heilungserfolg gehört, dass Betroffene psychische und physische Grenzen akzeptieren und nicht immer weiter blind überrennen. Ebenso ist eine größere Aufklärung über die Zusammenhänge von inneren und äußeren Belastungsfaktoren beim Burn Out notwendig. Eine wirksame Vorbeugung dagegen bezieht sämtliche Lebensbereiche ein, vom Job bis zur Partnerschaft. Oft steckten Betroffene in einer Panik-Situation und können sich selbst gar nicht helfen. Nicht einmal mehr wirklich erkennen, was da mit ihnen geschieht.

Schwierigkeiten haben allgemein Menschen, die ihre Probleme schwer ausdrücken können; häufig Einzelgänger sind oder mit ihren Schwierigkeiten lieber allein bleiben. Wer über seine kleinen alltäglichen Probleme offen sprechen kann, dem gelingt das auch leichter bei großen Themen. In der Regel erhalten solche Menschen kaum Reaktionen auf ihren Alltag, weder privat noch im Job. Die wenigsten brennen aus, weil jemand ihnen zuviel abverlangen, sondern durch den Druck, unter den sie sich selbst setzen.

Burn Out ist ein Zustand der inneren Leere, der seelischen Verausgabung. Dabei haben die Betroffenen nicht nur ihre wieder aufladbaren Energien abgegeben, sondern sind in ihrer Substanz angegriffen und geschädigt. Körperliche Krankheitszeichen gehören dazu, denn Körper, Seele und Geist bilden eine unzertrennliche Einheit.

Seiner eigenen Person selbst Wertschätzung entgegen zu bringen und nicht nur Anerkennung durch andere zu suchen; eine positive, humorvolle und entspannte Lebenseinstellung wieder zu gewinnen, die auch in Krisen Bestand hat; zu akzeptieren und anzuerkennen, dass „da etwas nicht stimmt“ … sind erste Schritt, den Kreislauf nicht noch weiter eskalieren zu lassen.

Als Partner/Freund …

Helfen kann man aktiv überhaupt nicht, ohne mit unterzugehen. Doch man kann da sein. Im Hintergrund. Beobachtend. Die Arme öffnen und bereit zum Auffangen sein, wenn es soweit ist … wenn der Betroffene soweit ist … Ohne Vorwürfe … ohne „ich hab’s doch gesagt“-Platitüden … Einfach so … weil man Freund ist … weil man wieder Partner sein will … darf.

Zumindest DIESES Leben hat jeder nur einmal. Es gibt Dinge, die sind „es“ einfach nicht wert!

© marmonemi [01/03] / skriptum

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Dieser Text bezieht sich weder auf aktuelle Geschehnisse noch auf „bekannte“ Personen. Er ist von mir vor vielen Jahren geschrieben worden und bereits in einem meiner Bücher erschienen.

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… zu glauben,

um alle Höhen und Tiefen des Lebens zu wissen?
alle Tiefschläge mindestens einmal bewältigt zu haben?
plötzlich an einem Punkt zu stehen, an dem alle Kraft schwindet?
dass die totale Ohnmacht stärker ist als alles andere?
plötzlich den Menschen gefunden zu haben für jeden weiteren Tag?
keinen Tag mehr ohne diesen geliebten Menschen sein zu wollen?
vor Schmerz zu vergehen, wenn er nicht bei Dir ist?
es doch irgendwie schaffen zu können … falls es sein müsste?
es ohne ihn aber einfach nicht mehr zu wollen?

Ich kenne es.

Und ich liebe es!

© marmonemi [02/02] / skriptum

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Kürzlich wurde ich durch eine Anmerkung daran erinnert, dass Sport ungesund ist. Daran an schloss sich die Erinnerung an eine Geschichte, die ich hier noch gar nicht eingestellt habe. Sie zählt eindeutig in den Bereich des sich selbst Bloßstellens, über den ja auch kürzlich Herr Nedganzbachert in seiner „Translokation“ höchst trefflich fabulierte. Dem will ich natürlich in nichts nachstehen und toppe wie folgt:

Muskelspiele, mein Fahrrad und ich

Sport ist Mord. Davon bin ich inzwischen mehr denn je überzeugt! Und das alles nur, weil ein Brief dringend zur Post sollte …

——————————————————————————–

Zwanzig Minuten hatte ich noch, bis der Briefkasten geleert wurde. Zu Fuß hätte ich gehen können, war aber zugegebener Weise zu faul und das Wetter für einen Spaziergang zu ungemütlich.

Bis zur Bahn gehen und dann zur Post?

Da kein Mensch sagen konnte, ob dies einer der Tage war, an denen die Bahn regelmäßig fahren würde, schien dieser Faktor zu unsicher.

Was blieb also?

Ich wollte ja längst mal wieder mein Fahrrad aus dem Keller pulen. Tat ich dann auch. Und die Uhr lief …

Erst musste ich einige Kartons aus der Katakombe räumen. Gesammelt für meinen geplanten Küchenumbau, um – wenn es irgendwann in diesem Leben doch noch soweit sein sollte – die darin befindlichen Dinge sicher verstauen zu können.

Da ich inzwischen in meinem Wohnzimmer ebenso dringenden Umbaubedarf erkannt habe, schwanke ich seit dem zwischen Küchen- und Wohnzimmer-Neugestaltung. Und wie das in solchen Fällen so ist …

… zumindest bei mir …

… fällt die Entscheidung schwer. Beides scheint gleich dringend. Also passiert erst mal gar nichts.

Bis auf das Karton-Sammeln.

Im Keller.

Falls es doch mal soweit sein sollte.

Und das Fahrrad unter unzähligen „Die kann ich auf keinen Fall wegschmeißen; die sind robust!“-Kartons begraben. Nicht dass wir einen Fahrrad-Keller hätten, in dem ich das Gefährt ebenso gut deponieren und gegebenenfalls sogar mal meinen Keller aufräumen könnte.

Nein, nein.

Also, doch schon durchaus.

Ja, wir haben hier einen Fahrradkeller. Ja, ich gebe es zu. Daran gedacht, das Fahrrad dort hinzustellen, habe ich schon des öfteren. Aber ich hatte immer Horror vor dem Gedanken, das Zweirad aus meinem Keller pulen zu müssen, um es im Fahrradkeller einzustellen.

Aber nun wollte ich zur Post.

Mit meinem Fahrrad.

Das einzig Motivierende beim Öffnen der Kellertür war mein sicheres Wissen, dass das Fahrrad darin befindlich sein muss.

Irgendwie.

Irgendwo.

Also fing ich an, Kartons auszuräumen und im Kellerflur zu stapeln. Da Karton in Karton in Karton steckt war es nicht allzu schwer, die großen Kartons mit den darin befindlichen kleineren Kartons übereinander zu schichten.

Irgendwann meinte ich einen Hinterreifen zu erkennen und legte los. Nun konnte es nicht mehr allzu lange dauern.

Denn die Uhr lief ja.

Kurz danach hatte ich das Objekt der Begierde tatsächlich freigeschaufelt und rollte es stolz in den Kellerflur. Es quietschte zwar seltsam aber ich hatte mein Fahrrad gefunden. Das war schon mehr, als ich mir beim morgendlichen Aufstehen hätte träumen lassen.

Nachdem ich alle Kartons zurück in den Keller gestapelt hatte, wollte ich mein Neugefundenes stolz auf die Straße rollen.

Aber es quietschte.

Recht seltsam.

Ein Blick auf die Reifen verriet, dass sie mindestens ebenso platt waren wie ich in dem Moment. Eine Luftpumpe habe ich natürlich.

Im Keller.

Irgendwo.

Sie musste sich zwischen, unter, hinter oder in einem der Kartons befinden. Vermutlich rechtsseitig, gegenüber der Kellerfenster auf einer kleinen Kommode.

Ein Blick in den Keller zeigte mir …

… nichts. Nur mein untrügliches Wissen darüber, dass ich ganz sicher eine kurze, schwarze Luftpumpe habe, ließ mich – zunächst nur mit meinen Augen – weitersuchen. Nach ungefähr drei Minuten wildem und völlig unkoordiniertem Wühlen in allem was sich im Keller befindet und vor allem drum herum, fand ich meine Luftpumpe.

Selbstredend eine Luftpumpe, die nicht kurz und schwarz, sondern lang und silber war. Oh, Du trügerisches Erinnerungsvermögen …

Ich pumpte die Reifen auf und stellte bei diesem Unterfangen fest, dass ich inzwischen aussah, wie aus einer Matsch-Grube gezogen. So konnte ich mich unmöglich in der Zivilisation inzwischen erschlossenen Gebieten sehen lassen.

Aber ich musste.

Denn die Uhr lief.

Ich hatte noch ungefähr zehn Minuten, um den Briefkasten zu erreichen.

Würde es nicht doch reichen, wenn ich den Brief morgen zur Post bringe?

Nein, das würde es nicht.

Also weiterpumpen!

Kurz bevor ich soweit war, die Pumpe an meinem Mund anzusetzen, ließen sich die Reifen kaum noch eindrücken und ich einigte mich mit meinem Fahrrad darauf, dass es den geplanten Weg mit dieser Luftfülle zurückzulegen bereit sein würde.

Also Luftpumpe in Keller. Kellertür zu. Fahrrad die Treppe rauf und ab auf die Straße.

Dreckig, so dass ich mich am besten direkt mit Klamotten in die Dusche hätte stellen sollen bis müssen. Aber egal. Ich musste jetzt echt ganz dringend zur Post!

Ich radelte los. Etwas unsicher und eiernd, da ich ewig nicht mehr auf einem Fahrrad gesessen hatte. Vom Fahren mal ganz abgesehen. Aber dadurch bedingt, dass mir zunächst niemand entgegen kam und die Straße meistens geradeaus ging, fand ich mich voll okay …

Auch die Kreuzung schaffte ich unfallfrei. Klar: Dank der Tatsache, dass kein Auto kam. Denn ob das mit dem Bremsen so einfach funktionieren würde war mir auf Basis des bisherigen Nichtnotwendigseins unbekannt. Aber notfalls wäre ich eben abgesprungen.

Bei der Post angekommen wollte ich noch schnell das Schloss anlegen.

Schnell.

Ein Begriff, der mir an diesem Tag inzwischen echte Bauschmerzen bereitete …

Ich hockte nieder, weil ich in der bereits eingetretenen Dämmerung (erwähnte ich schon, dass das Licht kaputt war bis ist?) diesen verdammten Schlüssel nicht in der dafür vorgesehenen Öffnung versenken konnte, ohne mir das Teil ganz genau anzusehen.

Ich hockte also.

Schloss das Schloss.

Wollte wieder aufstehen und stellte fest: Geht nicht.

Ich kam nicht hoch. Das Zittern meiner Beine nach einer Strecke von ca. fünf Minuten hatte ich bereits beim Absteigen von meinem Drahtgaul bemerkt; jedoch ignoriert. Der Brief war wichtiger.

Aber ich hockte.

Vor meinem Fahrrad.

Und fing innerlich an zu beten.

Unbemerkt für die Umstehenden. Versteht sich.

Mein Stolz trieb mich dann doch auf und die drei Stufen zur Post hoch, die mir in diesem Moment wie ein nahezu unüberwindbares Hindernis vorkamen. Ich durchwankte die Schalterhalle und hielt mich dann ankommender Weise an der Theke fest, an der ich mir eine Briefmarke und freundliche Bedienung erhoffte.

Beides bekam ich, hinterließ den Brief in der Obhut der Post-Mitarbeiterin und überlegte, wie ich nun möglichst elegant zu meinem Fahrrad zurück kriechen könnte. Die Beantwortung der in mir ganz gewaltig aufkeimenden Frage, wie ich mit diesen Beinen wieder auf den Sattel kommen könnte, verschob ich.

Wozu etwas überstürzen?

Der Brief war ja nun abgeschickt.

Ich drehte mich mit dem Gedanken daran, die Schalterhalle nun irgendwie zu verlassen, um. Das klappte ganz hervorragend. Und dann setzte ich vorsichtig einen Schritt vor den anderen, bis ich wieder an der Treppe stand.

Drei unüberwindbar wirkende Stufen bis zu meinem Fahrrad. Hoch waren sie schon schlimm. Runter soll ja immer noch schlimmer sein.

Ein Geländer an der Seite ermöglichte es mir, meine Arme bei diesem Unterfangen zu vollem Einsatz zu bringen.

Mein Fahrrad.

Dort stand es also.

Mit einem Schloss gesichert, das ich nur schließen konnte, weil ich mich hingehockt hatte. Ob ich zum öffnen …

Nein, öffnen konnte ich es im gebeugten Stehen. Zum Glück!

Ich bewegte das Fahrrad also, um es zu drehen. Irgendwie blieben meine Beine dabei parallel zum Gefährt. Und dann schob ich los in Richtung Kemenate. Nach ungefähr 20 Metern durchschoss mich der Gedanke, dass es ziemlich lächerlich war, mein Fahrrad nun nachhause zu schieben und ich beschloss, mich doch auf den Sattel zu begeben.

Das ging überraschend gut und ich radelte los. Glücklich, dass ich das Szenario bei der Post vermutlich nur geträumt hatte.

Es musste so sein! Denn gleich würde ich mich in Hausnähe bei Menschen befinden, die mich täglich sehen. Wie peinlich wäre es, wenn sie mich so schleppend vorfinden würden?

Wohlmöglich röchelnd im Keller …

Da sind acht Stufen runter UND wieder hoch zu bewältigen.

Ich könnte das Fahrrad natürlich einfach vor dem Haus stehen lassen.

Könnte ich?

Ne, das gibt Mecker mit den Nachbarn. Ich muss es also in den Keller bringen. In den Fahrradkeller. Wenigstens ein Trost: Ich muss die Kartons nicht noch mal ausräumen. Wo hatte ich eigentlich die Luftpumpe hingelegt? Egal, bis zum nächsten Fahrradfahren würde vermutlich sowieso etwas Zeit vergehen.

Am Haus angekommen stieg ich vom Fahrrad ab. Nur mein Stolz bewahrte mich davor, laut aufzuheulen. Ich lächelte milde, öffnete die Haustür, tackerte sie an dem dafür vorgesehenen Dingens an der Hauswand fest und schob mein Rad in Richtung Kellertreppe.

„Nie im Leben kommst Du da MIT Fahrrad unfallfrei runter!“ brabbelte ich etwas verzweifelt vor mich hin. Dann rollte ich den Vorderreifen vorsichtig die erste Stufe runter. Und noch eine. Und noch eine. Das Hinterrad kam nach. Eigentlich zum Glück. Uneigentlich dummer Weise. Das Fahrrad machte einen Ruck, den ich kaum im Stande war aufzuhalten. Ich schaffte es dann doch. Irgendwie.

Wie gesagt: Der Stolz lässt einen manchmal Dinge schaffen, die man mit normalem Menschenverstand nie für möglich gehalten hätte …

Das Fahrrad war dann tatsächlich, ohne mir aus den Händen zu gleiten, unten angekommen.

Ich auch.

Glaube ich.

Und nichts hatte gescheppert!

Ich schloss den Fahrradkeller auf und stellte fest, dass er rappel-voll war. Noch ein weiteres Fahrrad konnte er auf den ersten Blick gar nicht aufnehmen. Ich hatte also die Wahl zwischen Kartons erneut ausräumen oder Fahrräder zusammen schieben und den potentiellen Zorn meiner Nachbarn auf mich ziehen.

In Anbetracht der Tatsache, dass meine Beine immer mehr nachzugeben drohten, entschloss ich mich für den potentiellen Zorn und schob. Erst die anderen Räder zusammen und meines dann dazwischen.

Nun kam die nächste Probe: Acht Stufen wieder hoch bis zur Haustür, um diese zu schließen. Meinen Briefkasten wollte ich auch gleich noch leeren. Den Ballast der Postwurfsendungen (meist ca. 80 % des Inhalts) und tatsächlichen Post müsste ich eigentlich fähig sein, in meine Wohnung hoch zu tragen.

Da durchfuhr es mich wie ein Blitz!

In meine Wohnung …

Zweite Etage …

Kein Fahrstuhl …

Vier mal acht Stufen …

HOCH!

Ich glaube, das war der Moment, in dem ich anfing zu weinen. Ganz leise natürlich. Damit niemand auf mich aufmerksam wurde. Wie viele Nachbarn inzwischen, aufgrund der seltsamen Geräusche im Treppenhaus, an ihren Tür-Spionen ausharrten, wusste ich natürlich nicht. Interessierte mich in dem Moment auch eher weniger.

Ich leerte den Briefkasten, stapelte mir die Post im Arm und ergriff nach einer, doch für diese Situation fast noch eleganten Drehung in Richtung Treppe, das Geländer.

Dort stand ich dann.

So an die drei Minuten.

Schätzungsweise.

Ich trocknete mir die Augen und putzte mir die Nase.

Dann nahm ich all meinen Mut zusammen und setzte einen Fuß auf die erste Stufe. Welcher Fuß es war erinnere ich nicht mehr. Nur, dass es der falsche gewesen sein muss.

Ich zog zurück. Den Fuß und mich in mich.

„Irgendwie muss ich da jetzt hoch!“ dachte ich so bei mir und stellte fest, dass ich mein Handy in meiner Wohnung gelassen hatte.

Vermutlich zum Glück.

Wie peinlich wäre es gewesen, jemanden anzurufen, um ihm mitzuteilen, dass ich mich mit meinen noch nicht einmal 40 Jahren nicht in der Lage sah, zwei Etagen per Treppenaufstieg hinter mich zu bringen.

Ob ich tatsächlich jemanden um Hilfe gebeten hätte, weiß ich nicht. Vermutlich nicht. Aber der Gedanke, dass ich es hätte tun können, wäre vielleicht ganz nett gewesen. Klar hätte ich rufen können. Einfach so. Laut durch das Treppenhaus. Irgend ein Nachbar hätte sich meiner sicher erbarmt. Doch wie hätte ich ihm/ihr dann zukünftig jemals wieder in die Augen sehen können? Insbesondere wenn die Frage gekommen wäre, was ich denn für ein Problem habe und woraus es resultiert …

Nein. Soviel war klar: ICH musste es schaffen, und zwar alleine.

Und – oh Wunder! – ich schaffte es. Wie lange ich dafür gebraucht hatte, wusste ich hinterher nicht mehr. Oder mein Gehirn hatte diese Information einfach komplett ausgeblendet. Mag sein. Ist auch egal.

In meiner Wohnung angekommen, entledigte ich mich meiner Jacke und setzte mich auf mein Bett, um meine Stiefel auszuziehen. Das klappte alles ganz prima.

Bis dahin.

Dann wollte ich aufstehen.

Wie gesagt: Ich wollte.

Aber ich konnte nicht.

So saß ich auf meinem Bett. Schwankend zwischen Glück und Trauer. Glück darüber, dass ich nach langer Zeit wieder in meiner Wohnung war. Traurig darüber, dass ich nun auf meinem gemütlichen Bett kläglich verhungern und verdursten würde. Mein Handy lag ungefähr fünf Meter entfernt. Neben den anderen Festnetz-Telefonen.

Fünf Meter.

Unüberwindbar!

Ich saß also. Auf meinem Bett.

Draußen war es dunkel. Das kaputte Licht an meinem Fahrrad würde für mich nie wieder eine Rolle spielen. Wie auch, wenn ich hier nun meine letzte Ruhestätte erreicht haben sollte.

Nein, das wollte ich nicht glauben. So weit hatte ich es heute schon gebracht. Es wäre doch gelacht, wenn ich mich nicht zumindest an meinen Telefonen vorbei in die Küche schleppen könnte, um endlich etwas zu trinken …

Und ich schaffte es! Jawoll!

Nach dieser kurzen Stärkung kehrten meine Lebensgeister wieder einigermaßen zurück. Mit trotzdem noch zittrigen Beinen setzte ich mich an meinen Rechner. Froh und irgendwie stolz auf mich. Als ich kurze Zeit später auf Toilette musste, gab ich diesen Plan gleich wieder auf und suchte statt dessen nach irgend einem Behältnis auf meinem Schreibtisch. Das Zittern in meinen Beinen hatte inzwischen aufgehört aber nun schienen meine Beine nur noch aus Blei zu bestehen.

Mir meine Notdurft verkneifend (warum hat man eigentlich immer alles Mögliche auf dem Schreibtisch nur nie das was man tatsächlich braucht?) begann ich mit kleinen, leichteren Übungen.

Meine Augenlider auf und ab heben ging von Anfang an sehr gut. Auch meine Arme taten einigermaßen das ihnen zugedachte. Den Kopf konnte ich auch drehen also konnte mir wenigstens der Fernseher etwas Ablenkung bieten.

Ich blieb standhaft. Immer mehr Körperteile konnte ich bewegen. Irgendwann alles. Fast. Nur meine Beine …

Es gibt doch so genannte Nahrungsergänzungsmittel. Unter anderem zur Stärkung der Muskeln. Vielleicht sollte ich mir so was mal besorgen? Die Apotheke ist ganz in der Nähe der Post. Ich bräuchte also nur mein Fahrrad …

Wie lange ich bewegungslos am Schreibtisch saß, kann ich heute nicht mehr sagen. Nur, dass ich bei dem Gedanken an mein Fahrrad in eine tiefe Ohnmacht glitt.

Ob ich jemals wieder zu mir gekommen bin?

;o)

© skriptum

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