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Dieses Dröhnen in mir

 

Ich wiege den Cognac-Schwenker in meiner Hand und stehe am Fenster. Es wird dunkel und ich bin froh, diesen Tag überstanden zu haben. „Hauptsache er ist vorbei“ geht es mir durch den Kopf als ich den Mond schemenhaft sehe, wie er langsam hinter einem Haus hervor kommt und Frieden verspricht. Ich nippe am Glas und fühle, wie sich der Schluck meinen Hals hinab seinen Weg in meinen ungefüllten Magen bahnt. Die Dämmerung beruhigt mich, wirkt wie ein Schutz gegen das Böse der Welt.

Das Glas auf den Esstisch stellend verlasse ich den Raum, streife mir meine Kleidung vom Körper und genieße eine heiße Dusche. Meine Art, etwas Unangenehmes von mir abzuspülen. Je unangenehmer das Ereignis desto länger die Dusche. Das heiße Wasser auf meiner Haut tut mir gut, gibt mir neue Kraft, wärmt mich und lässt mich für ein paar Minuten die Welt um mich herum vergessen. Aus dem Wohnzimmer höre ich Laith Al-Deen, wie er versichert „Ich will nur wissen“. Ja, ich wollte auch nur wissen …

Seit zwei Wochen hatte ich mich vor diesem Termin gefürchtet. In den letzten Tagen überkamen mich wieder und wieder Fieberschübe, die ich mit grippalem Schnickschnack abtat, um möglichst normal bei meiner selbst definierten Tagesordnung zu bleiben. Und doch nahm ich es zum Anlass, sie vor mich hin leugnend als möglichen Grund zu nehmen, den Termin im INI [*] abzusagen. Obgleich ich mir durchaus im Klaren darüber war, dass ich letztendlich nicht umhin kam, mich der Untersuchung zu stellen.

Mit Sonne begrüßte mich dieser Tag und versprach schön zu werden. Doch nicht jedes Versprechen wird gehalten. Ich zitterte, als ich den ersten Becher Kaffee trinken wollte. Mit „nur zu wenig Schlaf“ versuchte ich, mich zu beruhigen. Versuchte, die Unruhe in mir zu besänftigen. Ich zog mich an und ließ die Lederjacke an der Garderobe hängen. Das Thermometer zeigte 21 °C. Ein übergehängter Pulli würde sicher reichen. Ich nahm meine Tasche, in der sich von Mal zu Mal mehr Röntgen-Aufnahmen sammeln, und fuhr los. Zunächst zu meiner Hausärztin, um mir eine Überweisung zum Neurologen zu holen, bei dem ich dann für heute die Überweisung ins INI bekam. Ab drei Arztpraxen pro Tag verlässt mich die Motivation; reagiere ich allein schon auf die Erwähnung von „Arzt“ allergisch.

Der Weg ins INI war wie das Bewegen in Luft leerem Raum. Jeder Schritt wie mit Blei an den Füßen. Mein Gang war geduckt und ich versuchte, mich aufzurichten, was nicht gelang. „Kopf hoch“ war ein Befehl, den ich an diesem Tag trotz ständiger Wiederholung schlicht verweigerte. Beim Betreten des Instituts quälte ich mir ein möglichst freundliches „Guten Tag“ heraus, als ich den Empfangsbereich passierte. „Im Gebäude: 1. Etage rechts (MR 2 ausgeschildert)“ entnahm ich zum wiederholten Male der Wegbeschreibung. Idiotensicher. Eigentlich. Ich verlief mich trotzdem. Eine Schwester wies mir den Weg und ich meldete mich an.

Mal wieder ein Fragebogen, den ich auszufüllen hatte. Mal wieder eine Erklärung unterschreibend, dass ich mit allem einverstanden bin, obgleich ich im Voraus gar nicht wissen konnte, was genau passieren würde. Den Hinweis wortlos zur Kenntnis nehmend, alle am und im Körper befindlichen Metallteile vor der Untersuchung unbedingt abzulegen. Sollte ich mir mein rechtes Handgelenk nun aufschneiden, um das darin befindliche Implantat zu entfernen? Ich sollte nicht.

Nach endlos wirkendem Warten wurde ich aufgerufen. Eine kleine Zelle sollte ich hinter mir verschließen und mich für die Untersuchung vorbereiten. Die Anweisungen der Schwester rauschten mehr oder weniger an mir vorbei. Dann schloss sie zunächst die Tür, um mir Zeit zu geben. Ich agierte mechanisch und mein Herz schlug bis in die Schädeldecke. Gedankenlos legte ich meinen Schmuck ab und entfernte meine Haarspange und alle sonstigen Metallteile, die dem Ergebnis hinderlich hätten sein können. Die Tür öffnete sich wieder und ich wurde in den Untersuchungsraum gebeten. Grußlos ging ich an dem mit dem Rücken zu mir sitzenden Arzt vorbei, was eigentlich so gar nicht meine Art ist. Immerhin begab ich mich gleich, wenn auch nur elektronisch, in seine Hände.

„Bitte nehmen sie hier Platz und legen sie sich dann so hin“ hörte ich die Schwester gestikulierend sagen, die mich sogleich auf der Trage fixierte. Ab jetzt war jeder Gedanke an Flucht aussichtslos. Mein Kopf wurde festgebunden, Schläuche und sonstiges über meinen Körper gelegt. Routine. Für die Schwester; nicht für mich. Ich fühlte mich gefangen und vollkommen ausgeliefert; bekam Kopfhörer auf, die meine Ohren jedoch nur vor dem gleich beginnenden Lärm schützen sollten. Ich mag mir nicht ausmalen, wie laut es ohne sie gewesen wäre. Die Ankündigung, mir Kontrastmittel zu spritzen, versuchte ich sofort ängstlich wegzudiskutieren. Sie lächelte nur. Die Schwester lächelte eigentlich die ganze Zeit. Sie war sehr freundlich, was mir jedoch erst hinterher wirklich bewusst wurde. Ebenso wie die friedliche Freundlichkeit des Arztes, der zu mir kam, um mich zu begrüßen und sich zu erkundigen, was vorgefallen war. Er erinnerte mich optisch an meinen Steuerberater.

Die Schwester drückte mir einen Ball in die Hand, der an einem Kabel hing und dazu dienen sollte, dass ich mich bemerkbar machen konnte, wenn mich irgendwas während der Untersuchung beunruhigte. Mich beunruhigte dieses gesamte Procedere! Dennoch wurde ich die Röhre geschoben. Die Schwester verließ den Raum. „Sie hat es vergessen“ triumphierte ich gedanklich zu früh, an das angedrohte Kontrastmittel denkend. Aber Schwestern und Ärzte vergessen nichts. Die Untersuchung begann. Ein unglaubliches Pochen, Dröhnen, Schlagen und Brummen erreichte mein Gehör. Ich fühlte mich, als stünde ich in einer Techno-Diskothek direkt zwischen zwei voll aufgedrehten Boxen. Alles vibrierte um mich herum. Platzangst hatte ich nicht und doch kam es mir vor, als wenn sich die Röhre zuziehen würde. Der blaue Streifen längst der Röhre kam auf mich zu, wurde breiter und schmaler, verschwamm und war doch wieder ganz klar zu erkennen. Die Geräusche nahmen mich in ihren Besitz. Ich blinzelte mit den Augen, um klarer sehen zu können. Wozu eigentlich? Verpasste ich optisch etwas? Nein, sicher nicht.

Die Geräusche änderten sich. Zwischendurch gab es Ruhephasen. Wobei Ruhe ein durchaus dehnbarer Begriff ist. Es war nur ruhiger als sonst. Sonst nichts. Nach ca. 15 Minuten verstummte alles. Es wurde totenstill. Durch die Kopfhörer hörte ich, dass jemand den Raum betrat. Die Schwester. Sie kündigte an, mich nun herauszufahren und ich solle mich nicht erschrecken. Halb außerhalb der Röhre und halb in ihr liegend fühlte ich, wie sie meinen linken Arm freilegte. „Sie hat es doch nicht vergessen“ durchfuhr es mich und blitzartig verkrampften sich 173 Zentimeter Mensch zu einem Klumpen aus purer Angst. „Kann sein, dass es jetzt brennt“ hörte ich sie entfernt sagen. Ja, das tat es. Und wie! Sie drückte den Arm mit einem Band ab und legte ihn mir auf den Bauch.

Dann wurde ich erneut in die Röhre gefahren und das Szenario wiederholte sich. Dieses Mal mit einem Brennen in meinem Körper, dass sich mehr und mehr verteilte. Dieses Gefühl der Wehrlosigkeit machte mich jedoch noch viel verrückter. Mein Auge begann zu jucken. Aber durch das Gitter über meinem Kopf konnte ich es nicht erreichen. Dann fühlte ich, wie mein Magen anfing zu knurren. Wann hatte ich zuletzt etwas gegessen? Getrunken? Ich wusste es nicht mehr. Meine Nase wurde kälter und kälter. Auch sie konnte ich nicht wärmen. Die Geräusche wurden lauter. Unerträglicher. Es schien kein Ende zu nehmen und doch war es irgendwann vorbei. Ich durfte aufstehen. Das Druckband von meinem Arm wurde entfernt. Mechanisch verließ ich den Untersuchungsraum, um zurück in meine Zelle zu gehen. Ich zog mich an, brachte Schmuck und Haarband an ihre ursprünglichen Positionen und ging zurück in den Wartebereich.

Am Fenster stehend sah ich über die Stadt. Die Dämmerung kündigte sich vorsichtig an. Wo war die Sonne geblieben? Die Zeit stand und wartete darauf, irgendwie zu vergehen. Irgendwann hörte ich weit entfernt meinen Namen und ging erneut los. Ein riesiges Zimmer mit großen Lichtwänden. Drei Plakate auf denen das Innenleben meines Kopfes in Scheiben zu sehen war. Erklärungen des Arztes suchten das zusammengesetzte dessen, was dort an der Wand hing. Ich nickte immer wieder, lächelte freundlich und fühlte mich unbeschreiblich klein. Ein warmes Händeschütteln, ein „Danke!“ was ich mich entfernt sagen hörte und kurz darauf verließ ich das Institut mit einem großen Umschlag unter meinem Arm.

Den Gedanken daran, anschließend noch einzukaufen, begrub ich endgültig. Alles was ich nun noch wollte war, nach Hause zu kommen. Ein Taxi zu rufen hielt ich in Anbetracht der Möglichkeit, einen gesprächsbedürftigen Taxifahrer zu erwischen, nicht für sinnvoll. Also ging ich zur Bushaltestelle und wartete. Die Aufnahmen unter meinem Arm wogen Tonnen. Es war kalt. Mir war kalt. Bitter kalt! Ich zitterte schon wieder. Oder immer noch? Mein Magen machte sich erneut bemerkbar. Weder zum Essen noch zum Trinken hatte ich etwas bei mir. Nur Zigaretten. Ich frickelte eine aus meiner Tasche und steckte sie, entgegen meiner sonstigen Ablehnung, auf der Straße zu rauchen, an. Der Rauch schmeckte bitter. Flash? Nein, purer Brechreiz. Ich schmiss sie weg und wartete weiter auf den Bus. Die Aufnahmen unter meinem Arm wurden schwerer. Ich zitterte noch mehr. Wo verdammt nochmal war die Sonne geblieben?

Der Bus kam. Ich stieg ein und suchte mir einen Platz am Fenster. Das Licht im Fahrzeug ließ mich mein Spiegelbild durch das dunkler werdende Äußere erkennen. Ich erschrak. Konnte es sein, dass ich heute um 10 Jahre gealtert war? Mein Blick streifte durch den Bus. Irgendjemand hatte vor die Tür gekotzt. Es war mir egal. Ich roch es nicht. Nach einigen Haltestellen stieg ich aus und schlich nach Hause. Warum hatte ich meine Lederjacke nicht angezogen? In meiner Wohnung war es etwas wärmer. Ich streifte Tasche und Pulli ab, ließ die Schuhe mitten im Weg stehen, schmiss den Umschlag mit den neuen und allen bisherigen Aufnahmen einzelner meiner Körperteile auf die Couch und goss mir auf nüchternen Magen einen Cognac ein. Das Thermometer zeigte 20 °C.

© marmonemi [10/2005] / skriptum

[*] Gehirnzentrum / „International Neuroscience Institute“, Link: INI
Klinik + Forschungseinrichtung der Medizinischen Hochschule Hannover

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Hoffentlich nicht!

[Anmerkung vorweg: Die folgende Erzählung ist bereits einige Jahre her, jedoch nach wie vor präsent.]

~~~

Der Morgen war wie immer … Verschlafen, Chaos im Badezimmer. Die Dusche erst zu kalt und dann zu heiß. Der Kaffee schneller auf dem Tisch als ich mit der Tasse hinterher kam. Dann schminken, anziehen … Anziehen … Verdammt! Jeden Morgen das gleiche Theater vor dem Kleiderschrank. Meine Wahl fiel auf eine helle Jeans. Dazu ein cremefarbener Pulli. Nicht zu figurbetont, weil ich ja schließlich ins Office musste. Beige Pumps dazu, Jeansjacke überziehen und ab.

Die erste Hürde des Tages war somit geschafft. Der Job lief zwar relativ ruhig aber dennoch mit viel Gebrassel verbunden. Mal wieder ohne Mittagspause machte ich wie fast immer später als sonst Feierabend und steuerte die U-Bahn an. Dort ließ ich mich auf einen freien Sitz fallen, nahm meine Zeitung aus der Tasche und fing an zu lesen. Nervös machte mich etwas, dass mich der Typ, der sich schräg gegenüber von mir hingesetzt hatte, ständig regelrecht anglotzte. Na ja, machte ja nix. Ich vertiefte mich einfach noch ein wenig mehr in meine Zeitung und ignorierte ihn.

An der nächsten Haltestelle leerte sich der Platz neben mir und blieb auch erstmal unbesetzt. Zwei Haltestellen weiter setzte sich der Typ von dem Platz schräg gegenüber plötzlich neben mich. Grundsätzlich betrachtet auch noch kein Grund, um unruhig zu werden. Auch dass er immer näher an mich ran rückte, machte mir zunächst nichts aus. Zunächst …

Der Typ stank. Nicht alkoholisiert, sondern schmutzig und durchgeschwitzt. Wenn er noch nach Alkohol gestunken hätte, hätte es die Sache allerdings auch nicht besser oder schlechter gemacht. Sein heller Trench war zu beiden Seiten aufgefallen und er rückte immer näher an mich ran. Die auf halbem Weg zwischen meinen Beinen und meinem Gesicht befindliche Zeitung klappte ich immer weiter zusammen und machte mich selber immer schmaler, um dem Typen irgendwie zu entgehen. Doch zwecklos. Ich war längst an der Wand der U-Bahn angekommen und er rückte immer näher. In mir machte sich Hilflosigkeit breit und die Frage, wie ich darauf reagieren soll. Ich sah ihn kurz an und bemerkte, dass er mich noch immer voll anstarrte. Er tat das also ganz bewusst.

Noch relativ ruhig forderte ich ihn auf, zurück auf seinen eigenen Sitz zu rutschen und mich in Ruhe zu lassen. Aber dazu machte er keinerlei Anstalten und fing stattdessen an, mir irgendwas Unverständliches ins Ohr zu flüstern. Gleichzeitig legte er eine seiner Hände auf mein Knie. Ich forderte ihn – diesmal lauter und für die andere Fahrgäste klar vernehmlich – auf, mich nicht anzufassen aber er murmelte weiter und seine Hand glitt langsam höher. In mir stieg Ekel auf und ich sah mich Hilfe suchend nach anderen Fahrgästen um. Es war späterer Feierabendverkehr und die Bahn war gut gefüllt.

Das – bisher für mich – Unglaubliche passierte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die anderen Fahrgäste gestarrt und gespannt verfolgt, was passieren würde. Klar ersichtlich war garantiert, dass er und ich kein Paar sein konnten. Doch in dem Moment, als ich meine die Blicke schweifen ließ, flogen die Köpfe herum und die Leute drehten sich weg. Alle. Ich sah plötzlich nur noch Rücken und Hinterköpfe.

Wie in einem Alptraum. Das konnte doch nicht wahr sein. Der Typ wanderte immer höher mit seiner Hand und ich schrie ihn an, dass er sofort seine Hände von mir nehmen und mich in Ruhe lassen solle.

Nicht ein einziger anderer Fahrgast machte auch nur die geringsten Anstalten, wenigstens mal auf diese Szene zuzukommen, um Präsenz zu signalisieren. Ich fühlte mich, als wäre ich mit dem Typen alleine auf der Welt. Er drängte sich immer mehr an/auf mich und sein Atem verschlug mir inzwischen den meinen. Unvermittelt sprang ich auf, brüllte ihn an, dass er sich von mir fern halten solle und es wäre auch kein Problem für mich, mit meinem Handy die Polizei zu rufen, wenn ihm meine Worte allein nicht deutlich genug sein sollte. Der Typ murmelte etwas von „wie kann man nur so böse sein“ und als die Bahn gerade in diesem Moment an der nächsten Haltestelle die Türen öffnete verschwand er ungehindert. Ich fiel auf den Sitz gegenüber und war platt.

Betretenes Schweigen in der Bahn …

Niemand sagte etwas …

Zunächst …

Plötzlich fing eine der Frauen an, laut loszupredigen, dass das ja wohl unglaublich gewesen sei … Keiner der Männer wäre eingeschritten und die arme junge Frau (ich wohl) musste sich ganz alleine wehren etc. etc. etc. Andere Frauen stimmten in das geheuchelte Klagelied lauthals ein, die in diesem Wagenteil befindlichen Männer drehten sich allesamt weg oder verließen an der nächsten Haltestelle die Bahn.

Ich sagte kein Wort mehr dazu. Nur die Überlegung in mir, was ich nun ekelhafter fand: Den Typen oder diese – nach meinem momentanen Empfinden – aufgespielte Empörung einiger Frauen, die ebenso untätig zugesehen hatten, hielt mich davon ab, vor Wut loszuheulen. Ich sah einfach nur aus dem Fenster und hoffte, bald an meiner Haltestelle zu sein, um diese Bahn zu verlassen.

Was wäre geschehen, wenn nicht ich, sondern eine Frau mit nicht so großer Klappe sein Opfer gewesen wäre … eine Frau mit weniger Selbstbewusstsein? Ich war weder aufreizend gekleidet, noch süße 12, 15 oder 17 Jahre alt. Daran konnte es also auch nicht gelegen haben. Und dennoch hat es ihn von nichts abgehalten. Hätte das geneigte Publikum – ja, das IST Sarkassmus! – auch einfach tatenlos zugesehen, wenn er mich direkt in der Bahn „richtig“ vergewaltigt hätte? Oh Gott, was muss, wenn ich mir mein momentanes, emotionales Chaos betrachte, erst in Frauen vorgehen, die „richtig“ vergewaltigt wurden? Mir graut vor dem Gedanken …

An meiner Haltestelle angekommen verließ ich fluchtartig die Bahn und rannte fast nach Hause. Ich wollte nur noch dringend mit jemandem reden, dem ich vertrauen konnte. Auf den Schritten zu meiner Wohnung quälte mich mehr und mehr der Gedanke, dass ich nichts getan habe, um den Typen der Polizei zu übergeben. Ich fühlte mich angeekelt, schmutzig und hilflos. Und je mehr ich über eine Personenbeschreibung nachdachte, desto weniger fiel mir dazu ein. Er hatte großlockige dunkle Haare und stank. Reichte das? Wohl kaum. Er trug einen hellen Trench und eine dunkle, irgendwie gemusterte Hose. Aber das war’s dann auch schon, was ich zur Person sagen könnte. Die großen, starrenden Augen sehe ich noch immer vor mir aber ich könnte nicht einmal sagen, welche Farbe sie hatten. Und Fingerabdrücke von einer Jeans? Keine Ahnung, ob das geht …

Ich bin auch, Stunden später, während des Schreibens, nicht in der Lage, den Typen genauer zu beschreiben. Deshalb hatte ich ursprünglich angefangen zu schreiben … eine BE-schreibung hinkriegen … die Polizei anrufen … Zwei Bahnen fahren bis zu mir. Ich weiß nicht einmal mehr, welche der beiden es war. Jede diesbezügliche Angabe wäre reine Spekulation und eine genaue Uhrzeit könnte ich auch nicht nennen. Was also sollte ich der Polizei sagen? Was ist das bloß für ein Chaos in mir? Ich heule mir die Augen aus dem Kopf vor Wut und Ekel, fühle mich einfach nur hundselend. Meine Mom hatte ich telefonisch erreicht und das Gespräch mit ihr tat sehr gut … hatte mich etwas beruhigt.

Ein derartiges Verhalten, sich anderen Menschen dergestalt aufzudrängen, halte ich persönlich schlichtweg für Veranlagung. Mir graut bei dem Gedanken, dass er von niemandem, auch von mir nicht, am Verschwinden gehindert wurde und ich hoffe inständig, morgen der Tagespresse nicht entnehmen zu müssen, dass ich zwar davon gekommen bin, es dafür aber jemand anderen erwischt hat …

~~~

P.S. Zwei Bemerkungen seien mir dazu gestattet.

An eventuell beobachtende Frauen:

Auch wenn Frauen einem Mann, was die körperliche Kraft betrifft, sicher in vielen Fällen unterlegen sind, sind sie dennoch gemeinsam stark. Es hätte mit Sicherheit ausgereicht, wenn ein oder zwei Frauen sich mir einfach zur Seite gestellt hätten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Typ dann weiter an mir herum gegrabbelt und sich mir, durch seinen an mich gedrängten Körper mit Stimme, Atem und Gestank noch zusätzlich, aufgezwungen hätte.

An eventuell so veranlagte Männer:

Nein! Das ist nicht schmeichelhaft. Es ist einfach nur widerlich und zum Kotzen. Es hat nichts mit Angebot zu tun und ist auch in keiner Weise entschuldbar. Es ist einfach nur verdammte Scheiße!

© marmonemi [08/02] / skriptum

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Dieses Meisterstück der Schreinerei, das er auf einem der Flohmärkte seiner Gegend gefunden und spontan gekauft hatte, obwohl sein Geld weder vorne noch hinten reichte, hatte er sich nach größten Verhandlungs-Bemühungen nach Hause liefern lassen. Die Ausmaße von mehr als drei mal einem Meter in fast schwarzem Holz konnte er natürlich nicht mit seinem Sportwagen nachhause transportieren. Ganz davon zu schweigen, dass er ein solches Format nicht alleine in seine Wohnung hätte schleppen können.

Der Tisch machte sich in dem langen Flur seiner Wohnung ausnehmend gut. Er bot Platz für mindestens 10 Personen. Die Transportkosten mitgerechnet war das Prunkstück letztendlich alles andere als ein Schnäppchen aber die Größe hatte es ihm einfach angetan. Nun müsste er sich nie wieder Gedanken darüber machen, wo er seinen Gästen einen Platz anbieten könnte. Besuch hatte er zwar ewig nicht mehr gehabt aber das würde sich bestimmt bald ändern. Schließlich war er verabredet. Endlich, nachdem er monatelang vergeblich versucht hatte, jemanden persönlich kennenzulernen.
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Es gibt sie, zweifellos. Diese Doof-Tage, die mit nichts zu überbieten sind!

Ich sitze am Rechner und trinke meinen Kaffee aus. Soweit ist alles in Ordnung. Das passiert, wenn man keinen 10-Liter-Eimer vor sich stehen hat. Der allerdings im Handling sowieso etwas unpraktisch wäre. Also stehe ich kurz danach auf, um mir einen frischen Kaffee zu holen. Als ich im Flur stehe, was das Zurücklegen einer ungefähren Strecke von drei Metern erfordert, habe ich vergessen, was ich wollte und gehe zur Probe erstmal ins Bad. Dort angekommen fällt mir wieder ein, dass ich mir einen Kaffee holen wollte. Die leere Tasse stand allerdings noch auf dem Schreibtisch. Also zurück mit dem nebenbei gepflegten Gedanken, mir einen Pulli überzuziehen, da mir aufgrund des diesjährig wohl ausfallenden Frühlings etwas frisch um die Arme ist.

Im Wohnzimmer angekommen schlage ich in Gedenken an den im Schlafzimmer befindlichen Pullover eine Kurve und widme mich zunächst der Aufwärmung meiner fröstelnden Knochen. Anschließend schüttel ich das Bettzeug auf, um im Anschluss daran in die Küche zu gehen, mit dem sicheren Wissen, dass ich dort irgendwas wollte. Nur was war mir entfallen. Also gehe ich zurück an den Schreibtisch und starre auf die leere Kaffeetasse. Mal wieder froh, dass ich alleine lebe und niemand sehen kann, was ich hier mache. Ich schnappe mir die leere Kaffeetasse und gehe mit dem siegssicheren Wissen, jetzt nicht vergessen zu können, warum ich überhaupt aufgestanden bin, los. In die Küche. Ja: Spontan und auf direktem Weg! Dort angekommen schütte ich mir Kaffee in die Tasse.

Da ich inzwischen tatsächlich mal ins Bad muss, lasse ich die Tasse stehen und suche zunächst die Toilette auf. Während des anschließenden Händewaschens überlege ich, dass meine Haare dringend gekürzt werden müssen und hole die Schere, um sie auf die Ablage über dem Waschbecken zu legen, damit ich nach dem nächsten Haarewaschen das Vertikutieren meines Kopfes nicht vergesse […!]. Danach setze ich mich wieder vor den Rechner und ahne bereits beim Hinsetzen, dass ich irgendwas vergessen habe. Kaffee! Also gehe ich erneut in die Küche und greife mir, inzwischen zumindest relativ entnervt, den Kaffeebecher, um zurück an den Rechner zu gehen.

Nun trinke ich meinen Kaffee normalerweise mit Milch und Süßstoff. Da ich des öfteren vergesse, Süßstoff in den Becher zu klicken, habe ich ein kleines Süßstoffdingens auf meinem Schreibtisch stehen. Diesmal hatte ich jedoch die Milch vergessen und ging erneut in die Küche. Ich kippte Milch in den Becher. Nein halt, ich wollte Milch in den Becher kippen. Aus der Milchpackung kamen allerdings nur noch ein paar wenige Tropfen. Also musste ich erst eine neue Packung öffnen. Ich nahm aus dem Schrank einen frischen Liter Milch und stellte ihn – ungeöffnet – in den Kühlschrank. Drehte mich zurück zur Tasse und war froh, dass ich alleine … siehe oben. Also Kühlschrank wieder auf, Milch raus, Milch öffnen, Milch in den Becher kippen, Milch zurück in den Kühlschrank.

Jetzt war ich sicher, dass nichts mehr schief gehen könnte: Ich hatte den Kaffeebecher, mit Süßstoff und Milch drin, in der Hand und war auf dem Rückweg zu meinem Rechner. Wenn es nicht in dem Moment an der Wohnungstür geklingelt hätte, wären meine Chancen, mit einem Kaffee, so wie ich ihn mag, an meinem Schreibtisch anzukommen, echt gut gewesen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Jetzt sitze ich an meinem Schreibtisch. Mit Kaffee, der inzwischen noch maximal lauwarm ist und …

… habe inzwischen Hunger bekommen.

Ich gehe dann mal los. Bitte drückt mir die Daumen!

© skriptum

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