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Posts Tagged ‘sterben’

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Heute hätte meine Großmutter väterlicherseits Geburtstag gehabt. Diejenige, die ich in meiner Geschichte „Roter Granit“ im Jahr 2003 an ihrem Grab „besucht“ hatte, nachdem sie ein Jahr lang mehrfach nachts „bei mir“ gewesen war.

Das sind die Situationen, für die es keine logischen Erklärungen gibt. Meine Großmutter stand nach ihrem Ableben häufiger nachts an meinem Bett und fragte mich „Wo ist mein Hausstand?“. Ich wusste, dass meine Eltern ihre Wohnung, die im Haus meiner Eltern war, längst ausgeräumt und vermutlich das Meiste, was ihr lieb und teuer war, weggeschmissen hatten. Meine Eltern hatten dort inzwischen ein Schlafzimmer, ein Ankleidezimmer, ein großes Bad und ein zweites Arbeitszimmer für meine Mutter eingerichtet. Sollte ich das meiner Großmutter sagen? Sollte ich ihr sagen, dass von ihr, außer ein paar Erinnerungen und Stücke, die ich an mich genommen hatte, so gut wie nichts geblieben ist? Das konnte ich nicht. Also blieb ich stumm.

Davon abgesehen, dass mich diese nächtlichen Situationen, die es ja nach rein wissenschaftlichen Erkenntnissen gar nicht geben kann, anfänglich etwas überfordert haben. Ich weiß, dass ich mitunter Dinge oder Situationen wahrnehme, die kaum ein anderer Mensch kennt. Darüber zu reden ist immer etwas knifflig: Die meisten Menschen haben Schiss vor solchen Erlebnissen und stempeln denjenigen, der sie hat und auch noch darüber spricht, gern als Spinner ab. Das ist einfacher, als das angeblich Unmögliche doch für möglich zu halten oder die potentielle Existenz zumindest nicht völlig auszuschließen. Meine Großmutter kam häufiger nachts zu mir. Immer mit der gleichen Frage „Wo ist mein Hausstand?“. Ich habe es nie übers Herz gebracht, ihr zu antworten. Also blieb ich stumm.

Manchmal ließ ich, wie in der Geschichte geschrieben, ein Teelicht brennen, wenn ich zu Bett ging. Aber es war gelöscht, noch bevor sie wieder an meinem Bett stand. Angst hatte ich nie, eher war ich verunsichert, weil ich nicht wusste, was ich tun oder was ich ihr antworten sollte. Aus ihrem Nachlass habe ich unter anderem eine taillenlange, weiße Strickjacke. Eines Morgens, nachdem sie nachts wieder bei mir gewesen war und ich ihr nicht geantwortet hatte, war die Jacke aus dem Kleiderschrank, dessen Tür noch immer offen stand, gerissen und lag davor. Ob sie verdeutlichen wollte, dass sie tatsächlich da gewesen war oder warum das sonst geschehen ist, weiß ich nicht. Irgendwann kam sie nicht mehr. Ob sie ihre Antwort auf andere Weise gefunden hat, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich mich ihr in letzter Zeit von Tag zu Tag näher fühle:

Ich glaube, mein Vater war gerade zwei Jahre alt, als sein Papa im Krieg fiel. Meine Großmutter stand also von jetzt auf gleich ohne Ehemann aber mit einem kleinen Kind da. Es war Krieg und somit nichts völlig Ungewöhnliches, dass Frauen keine Männer aber kleine Kinder hatten. Dennoch: Wenn ich mir vorstelle, wie borniert heute noch Menschen verurteilt werden, nur weil sie nicht verheiratet sind aber Kinder haben, eine gleichgeschlechtliche oder zumindest „nicht normale“ Sexualität pflegen oder in anderer Weise nicht der so genannten „Norm“ entsprechen, war es sicher allein schon in der Hinsicht nicht einfach für sie, plötzlich allein Erziehende zu sein, keinen Mann an ihrer Seite zu haben und nicht zu wissen, wie es weitergehen soll.

Sie lernte einen neuen Mann kennen und lebte mit ihm zusammen. Wilde Ehe … oha! Ich glaube, sie hat einerseits sehr darunter gelitten, dass sie nicht geheiratet haben. Aber immerhin hatte sie wieder einen Mann an ihrer Seite. Wenn sie unterwegs waren, wurde sie mit seinem Nachnamen angesprochen. Der Schein war also allemal gewahrt. Dieser Mann war ein ziemlicher „Bollerkopp“, das erinnere ich noch. Aber wenn ich sein Gesicht vor mir sehe, dann sehe ich ihn immer lachen. In meiner Erinnerung gibt es kein Bild von ihm, auf dem er böse guckt. Ich weiß aber noch, dass auch er mitunter recht absurde Vorstellungen und Vorurteile hatte. Wenn ich beispielsweise ein Junge (der Erstgeborene) geworden wäre, hätten meine Eltern zur Geburt 500 Mark bekommen. Das war damals verflucht viel Geld – gerade für eine junge Familie – und wäre sicher ein sehr angenehmer, „warmer Regen“ gewesen. Aber ich wurde „nur“ ein Mädchen und so gab es „nur“ 200 Mark.

Als meine Großmutter ein paar Jahre älter war als ich jetzt, bekam sie Brustkrebs und musste amputiert werden. Damals wusste man es nicht besser und schnitt noch brutaler als heute „einfach alles weg“. Heutzutage wird da wesentlich genauer differenziert und, soweit möglich, schonender vorgegangen. Allerdings steht offenbar nach wie vor im Vordergrund, was das Sicherste für die Ärzte ist, erst dann kommen die Befindlichkeiten des Patienten. Das Ergebnis war jedenfalls, dass meine Großmutter in einer Zeit, in der „man“ tunlichst nicht darüber sprach, „keine Frau“ mehr war. Ob sie jemals Trost bei ihrem Lebensgefährten oder an anderer Stelle gefunden hat, wage ich zu bezweifeln. Wohin konnte sie also mit ihrer Seelenqual? Nirgendwo hin. Der Mann an ihrer Seite konnte jederzeit gehen, sie waren ja nicht verheiratet. Ich kann mir nicht einmal annähernd vorstellen, was diese Frau gelitten haben muss.

Ich war um die zehn Jahre alt, als mein nenn-Opa starb. Fortan fuhr ich jedes Wochenende zu meiner Großmutter, damit sie nicht so alleine war. Das setzte sich bis 1977 fort, als wir alle zusammen in das heutige Haus meiner Eltern zogen, in dem auch mein Bruder mit Familie heute noch wohnt. Meine Oma bekam ihre eigene kleine Wohnung im Erdgeschoss, inklusive eines Gästezimmers, in dem ich weiterhin jedes Wochenende übernachten sollte. Dass dieser Gedanke in der Praxis nicht funktionierte, liegt vermutlich auf der Hand. Ich habe nie wieder bei ihr in der Wohnung geschlafen. Eine Etage höher war ja mein eigenes Zimmer. Allerdings war ich noch viele Jahre häufig bei ihr und wir haben Karten gespielt oder uns anderweitig beschäftigt. Mit dem Bummeln und Schaufenster angucken etc. war es allerdings ein für alle Mal vorbei.

Vorher lebte meine Oma an der „Lister Meile“. Bis heute kann man sagen, dass da „Leben pur“ stattfindet. Ein Blick aus dem Fenster oder ein Schritt vor die Tür reichte und es gab etwas zu erleben. Aus diesem „Leben“ war sie nun nach dem Umzug in der puren Einöde gelandet. Ein Blick aus dem Fenster oder ein Schritt vor die Tür löste mal gar nichts aus. Da war eben nichts außer nichts. Es reichten nicht ein paar weitere Schritte und man konnte einkaufen oder schön bummeln gehen. Dafür musste man schon eine ganze Ecke laufen. Aber selbst dann reichte es gerade mal bis zu einem Lebensmittelladen, einer Apotheke und einer Kirche; das wars dann schon fast. Ich glaube, seit 1977 fühlte sie sich schon mehr tot als lebendig. Immerhin war sie finanziell abgesichert; das war aber wohl auch das Einzige, was ihr keine Not bereitete.

Was mich immer beschäftigt hat ist, warum diese Frau in ihrem tiefsten Inneren von einer so erschütternden Traurigkeit geprägt war. Selbst wenn sie lachte stand ihr diese Traurigkeit in die Augen geschrieben. Seit einigen Monaten beginne ich zu begreifen, worin all ihr Leid bestand und wie sehr sie unter all dem … dem Verlust ihres Mannes, dem mitunter sehr bollerigen Verhalten ihres Lebensgefährten, ihrer Erkrankung nebst Verkrüppelung, dem gesellschaftlichen Ansehen und dem endgültigen Absturz aus dem Leben nach dem Umzug in die pure Tristesse … gelitten haben muss. Sehr häufig habe ich mich gefragt, ob ich irgendwas hätte tun können, um ihr zu helfen oder um ihr irgendwas zu erleichtern. Ich denke nicht aber sicher bin ich mir auch nicht. Habe ich etwas versäumt, was ich hätte tun können? „Keine Antwort“ …

Vielleicht … kann ich sie das irgendwann doch noch fragen.

Bestimmt … werde ich sie dann ganz fest in den Arm nehmen!

Happy Birthday, Granny! ♥

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Noch nie habe ich eine so wunderschöne Geschichte über das gelesen, was zwingend zu jedem Leben dazu gehört. Und erst recht nicht mit einer so natürlichen und liebevollen Akzeptanz. Mein ganz großes Kompliment an die Autorin Lilith Adami von „Textwärts“!

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… ist echt ’ne Sau:

 

 

Wenn sie nicht gerade in penetranter Weise auf Kuschelkurs mit mir ist, dann sitzt sie auf meinem Bildschirm und krabbelt kackenderweise hin und her. Und ICH kann es dann wieder sauber machen. Frechheit sowas!

 

Aber: Das Leben ist gerecht!

 

 

Tja Babe, das hast Du jetzt davon! Es ändert auch nüscht, dass Du zum Sterben extra auf mein Waschbecken geflogen bist. Hin ist hin und ich hoffe, dass Deine Schwestern und Brüder mitbekommen haben, was es mit Euch für ein Ende nimmt, wenn Ihr mich allzu sehr nervt!

 

Obwohl: Keine falschen Schlüsse ziehen bitte, denn ich habe sie nicht gekillt. Das hat eine höhere Macht erledigt, jawoll! ;)

 

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Geschafft …

 

… eigentlich … aber irgendwie doch nicht so richtig …

Der Sommer endet, die Sonne scheint, die Fenster meiner Wohnung hat nach wie vor keiner geputzt und ich muss noch immer dringend zum Ordnungsamt …

Bereits im Juni hatte ich ja mit „Odyssee einer Ausweisverlängerung …“ meiner Verwunderung Ausdruck verliehen, was so alles Putzwunderliches auf einen eintrümmert, wenn man einfach nur wieder gültig sein will.

Ich komme am Montagabend nach Hause und finde in meinem Briefkasten eine Zusage für etwas, auf das ich längere Zeit und inzwischen ziemlich dringend gewartet habe. Nun fehlt nur noch eine Identifikations-Erklärung, die ich beim nächstgelegenen Postamt nach Vorlage eines gültigen Personalausweises problemlos erhalten sollte.

Problemlos … Da war es wieder … mein Problem: Ich hatte mir noch immer keine gültigen Ausweise ausstellen lassen. Ich bin nach wie vor abgelaufen … seit November letzten Jahres.

Okay, ab durch die Wohnung. Reisepass und Personalausweis suchen. Die Bilder die ich bereits im Juni hatte machen lassen mussten auch noch irgendwo rumfliegen. Und wo verflixt ist dieses Schreiben mit den Öffnungszeiten? Ah … da! Na wow … gut, dass ich nix wegschmeiße. So, alles zusammen rödeln und am nächsten Tag zum Ordnungsamt.

Dort angekommen betrete ich die große Eingangshalle und steuere auch gleich höchst erfreut auf die relativ leeren Schalter zu. Doch halt: die sind nur für die Ausgabe von fertigen Ausweisen. Beantragen muss man sie in der Neben-Halle. Fein. Dann also los. Ich gehe durch die relativ breite Tür und bleibe erschrocken stehen. So viele Menschen auf einem Haufen habe ich ewig nicht mehr gesehen. Okay. Was soll’s. Nummer ziehen und einen freien Platz suchen. Freien Platz … Witzig … nicht wirklich. Doch … da ist tatsächlich noch einer. Ich setze mich und mein Blick fällt auf die Nummer, die mich mittels dieses Zettels zu einer der unzähligen Wartenden deklariert. Ich bin Nummer 275. Weiter unten darf ich dem gezogenen Zettel den freundlichen Hinweis entnehmen, dass noch 44 weitere Personen mit mir warten. Wie nett. Automatisch fange ich an, die Zahl derer, die sich in diesem Raum aufhalten, durchzuzählen. Es sind mindestens doppelt so viele.

Schon komisch: all diese Menschen kann man im Grunde in zwei Gruppen einteilen: die einen sehen gebannt auf ihre Zettel und die anderen starren auf die große elektronische Tafel, die neben dem nächsten Eingang – diesmal in die Halle mit den Schaltern zum Beantragen von was auch immer – an der Wand hängt. Den großen roten Ziffern kann jeder entnehmen, wie viele Wartende aktuell noch vorher dran kommen werden. Der Zähler steht gerade mal bei 214. Also mit 44 Wartenden vor mir iss nix. Das sind mehr … wusste ich es doch. Tja … also warte ich … sehe auf meinen Zettel und kenne meine Nummer schnell auswendig.

Ich sehe erneut auf die Tafel, auf der sich gar nichts tut … sehe in die Runde und sehe nur Menschen, die entweder auf ihren Zettel sehen oder an die Tafel starren. Keine Gespräche. Nicht einmal Menschen, die offensichtlich mit vereinten Kräften das Marathon-Warten bewältigen wollen, unterhalten sich miteinander. Nix. Keine Gespräche. Doch halt … eine Stimme neben mir regt sich. Alles zuckt zusammen. Ich am allermeisten. Schließlich meint sie mich. Ein kleines Gespräch entwickelt sich. Eine willkommene Abwechslung. Auch wenn ich nur erfahre, das sie ihre Lohnsteuerkarte ändern lassen will. Interessant. Ja, ja. Man wird genügsam. Wir beenden das Gespräch schnell wieder. Es wirkt doch zu störend in dieser Stille von knapp hundert wartenden Menschen.

237. Tatsächlich; die Tafel ist doch nicht kaputt. Sie lebt … oder so. Ich überlege was ich gleich noch besorgen kann, wenn ich hier fertig und eh gerade mitten in der Stadt bin. Die Markthalle ist nebenan. Heute und morgen Abend habe ich Gäste. Ich könnte gleich noch ein paar leckere Schnabbeleien besorgen, sofern ich hier irgendwann tatsächlich dran kommen sollte. In Gedanken mache ich mir eine Einkaufsliste und überlege, wie ich zwischen Feierabend und Eintreffen noch schnell ein paar Kleinigkeiten zubereite. Plan steht. Tafel lebt. Ich falle gleich um vor Müdigkeit. Es ist zum Sterben langweilig … Meine Nachbarin holt Luft und sieht zu mir rüber. Doch sie verstummt, noch bevor sie ihre Stimme erhebt. Bloß nix sagen!

Eine Frau ruft laut in den Raum, ob jemand die Nummer 240 haben möchte, sie muss weg und kann nicht mehr warten. Ein Beben geht durch die Wartenden und mehrere Leute fassen allen Mut zusammen und melden sich. Die Frau erwidert, wer zuerst bei ihr ist, bekommt die Nummer. SO bringt man also eine solche Masse dazu, sich zu bewegen. Erstaunlich. Ich beobachte das Szenario und lache still. Fast scheint es, als hätte die Frau einer Meute von Verdurstenden einen Schluck Wasser angeboten. Die Aktion merke ich mir! Wer weiß, wann man so etwas mal gebrauchen kann. ;-)

Die Zeit vergeht einfach nicht. Ich überlege, dass ich auf dem Rückweg an meinem lieblings-Blumengeschäft vorbei gehen könnte. Ein paar neue Übertöpfe sind sowieso längst überfällig. Und beim Sattler könnte ich auch gleich noch eine Bestellung aufgeben. Sofern ich hier jemals dran komme.

Die 240 ist inzwischen Geschichte. Mittlerweile bewegen wir uns schon fast auf die 255 zu. Doch was ist jetzt? In der großen Halle sind von 12 Schaltern nur noch drei besetzt. Sind alle anderen Mitarbeiter zu Tisch? Au backe … das jetzt auch noch. 253 … 254 … nichts bewegt sich unter den Wartenden. In Gedanken schreie ich „Los, drückt die nächste Nummer, Du Knaller! Hier tut sich nix“. Aber der Mitarbeiter denkt offensichtlich gar nicht daran und holt sich statt dessen einen Kaffee. Nur noch zwei besetzte Schalter. Ich fasse es nicht!

Plötzlich ist es tatsächlich geschafft. Nebulös tut sich mir ein Schimmer von Hoffnung auf: die 270er Grenze ist deutlich überschritten und meine Nummer wird als nächstes aufleuchten … Jiepp! Ich springe fast vom Stuhl und betrete die Halle, suche den für meine Nummer zuständigen Schalter und finde einen tatsächlich sehr netten Mitarbeiter (ohne Kaffee …). Ich lege ihm meinen abgelaufenen Personalausweis und den ebenso ungültigen Reisepass vor, bitte um Neuausstellung und betone gleichzeitig, dass ich mich noch heute legitimieren muss; also einen vorläufigen gültigen Ausweis benötige. „Alles kein Problem“ höre ich „dann benötige ich von ihnen drei Fotos“. Ooops … mir wird fast schwarz vor Augen! Ich habe nur zwei Fotos bei mir. Wut bahnt sich den Weg in mein Bewusstsein. Aber nur milde lächelnd überreiche ich ihm die beiden Fotos und muss mich dem entsprechend mit einem beantragten Personalausweis und einem sofort ausgestellten vorläufigen Personalausweis zufrieden geben. Sinnlos zu erwähnen, dass die ganze Prozedur nun in absehbarer Zeit erneut los geht, wenn ich einen neuen Reisepass beantrage. Klasse gelaufen.

Gegenüber dem Mitarbeiter tat ich cool und nahm seine Ausführungen als selbstverständlich und charmant lächelnd hin. Innerlich dachte ich nur an das nervige Warten zurück. Ich überlegte, was es ausgelöst hätte, wenn ich das blöde dritte Foto nicht vorhin noch auf meinem Schreibtisch deponiert hätte, um es nicht mitschleppen *keuch* zu müssen. Was in mir aufkam war nicht gerade Freude darüber, dass ich diese Arie nun für einen Reisepass noch einmal vor mir habe:

SO EIN SCHEISS!!!

Als ich von dem freundlich grinsenden Ordnungsamt-Mitarbeiter meinen vorläufigen Personalausweis erhalte, da trifft mich der nächste Schlag: Dass ich seit meiner Scheidung noch immer keine Namensänderung habe durchführen lassen, war mir aufgrund der Dringlichkeit dieser blöden Legitimation völlig entfallen. Nach der Eheschließung hatte ich damals meinen Ausweis nicht ändern lassen und folglich enthielt mein alter Ausweis noch immer meinen Geburtsnamen … ohne Strich … ohne Namens-Zusatz. Finanz- und Standesamt wissen natürlich, wie ich tatsächlich heiße und machen erbarmungslosen Gebrauch von dieser Information … Und nun kann ich, viele Jahre nach meiner Scheidung, für die nächsten 10 Jahre als „Strichmädchen“ rumlaufen. Verfluchte Doppel-Namen!

In einer uncharmanten Mischung aus „ein bisschen glücklich aber auch stinkig“, weil ich diesen Namens-Zusatz nun in meinem Ausweis amtlich dokumentiert mit mir rumschleppen muss (hoffentlich will diesen Ausweis niemals jemand sehen!) und on top die ganze Nummer nun noch einmal wegen des Reisepasses vor mir habe, verlasse ich in Gedanken versunken das Ordnungsamt.

Ich mußte lächeln als mir wieder einfiel, wie erschrocken ich im ersten Moment war, als der Mitarbeiter meinen alten Ausweis an sich nahm und blitzartig durchschnitt mit der Bemerkung, dass der nun vernichtet wird. Dieses Durchschneiden hat irgend einen Horror … Ich hoffe immer, dass ich das niemals erlebe, wenn es um meine Konto- oder Kreditkarten geht. Letztere sind bisher verschont geblieben ;-)

Meine Mittagspause ist seit ca. einer Stunde vorbei. Ich steuere also zielstrebig in Richtung Hauptpostamt, um diese leidige Legitimation hinter mich zu bringen und als ich bereits 10 Minuten unterwegs bin fällt mir die Markthalle wieder ein, in der ich vergessen habe, für heute und morgen Abend einzukaufen. Auch das Blumengeschäft ist inzwischen zu weit weg. Und der Sattler ist neben dem Blumengeschäft. Na ja, immerhin bin ich jetzt erst mal bis 7. Januar nächsten Jahres vorläufig gültig …

Als Strich-Mädchen!

Dass ich kurz vor Erreichen des Postamtes noch mit dem Fuß umknicke und ihn anstauche ist wohl an diesem Tag einfach im Programm vorgesehen und was ich nun an diesem und dem morgigen Abend zum Essen anbiete weiß ich noch immer nicht. Hoffentlich scheint an diesen Abenden wenigstens die Sonne nicht; die Fenster sehen inzwischen wirklich grauenhaft aus.

275 (gebindestricht darauf wartend, dass wenigstens Reisepässe abgeschafft werden)

© marmonemi [10/02] / skriptum

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ich sah ihn obwohl ich blind war
ich wollte ihn obwohl ich glücklich war
ich liebte ihn obwohl ich einsam war

und es war als würde ich sterben.

ich nahm ihn obwohl ich selbstlos war
ich gab ihm obwohl ich nichts hatte
ich verschonte ihn obwohl ich begehrte

und es war als würde ich sterben.

ich versank in ihm obwohl ich ertrank
ich stand auf obwohl ich am boden war
ich vergab ihm obwohl ich fehlte

und es war als würde ich sterben.

er drang in mich ein obwohl er verschwand
er fing mich auf obwohl er fiel
er blieb obwohl er ging

und es war als würde ich leben.

© skriptum

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